Lörrach Das Stadtbild wird zur Bühne

Mal turbulent, mal leise und poetisch: Die Szenen, die das Ensemble spielte, boten eine große emotionale Bandbreite. Foto: Adrian Steineck

Lörrach -  Das Stadtbild wird zur Bühne, der Fluss Wiese zur akustischen Untermalung: Mit einem Theaterspaziergang beging das aktuelle Spielzeitteam des Theaters Tempus fugit den Saisonabschluss. Unter dem Titel „Und Tschüss!“ präsentierten die Akteure an fünf Stationen und in sechs Szenen eine Mischung aus mal poetischen, mal skurrilen und parodistischen Darbietungen.

Los ging es ganz beschaulich: Vier Handtücher, auf denen unter anderem Schuhe, Sonnenbrillen und Melonenstücke drapiert waren, riefen vor dem Theaterhaus im Adlergässchen Urlaubsstimmung hervor. Hier konnten die Besucher die Szenerie noch ganz in Ruhe betrachten, die Ensemblemitglieder hielten sich noch zurück.

Im Garten des Theaterhauses dann die erste Darbietung: Auf einem Fernseher läuft ein Musikvideo der Berliner Band „Von Wegen Lisbeth“. In dem Song dazu heißt es: „Lina, ich will dein Sushi gar nicht sehen. Warum ist dein Leben so prima? Und du immer so wunder-wunderschön?“

Kritik an den sozialen Medien

Ein kleines Stück weiter verfestigt sich der Eindruck, dass die Akteure hier Kritik an den sogenannten sozialen Medien und den dort mit der Öffentlichkeit geteilten Inhalten üben: Vier junge Frauen mit hellblauen Perücken (Anabell Kessler, Lisa Christiansen, Lotte Neuhaus, Thoja Steenbeck) stoßen mit Sektgläsern an, lachen affektiert und posieren schließlich für einen Videodreh.

Die „Regisseurin“ weist die Zuschauer dann sogar in überheblichem Ton an, doch zur Seite zu gehen, da hier gedreht werde.

Während in dieser ersten Szene die Intention der Theatermacher noch relativ eindeutig anmutet, verweigern sich die folgenden Szenen einer eindeutigen Interpretation. Noch etwas irritiert, ob die Anweisung Teil der Inszenierung oder ernst gemeint war, gehen die gut 20 Zuhörer – im Lauf des Spaziergangs kommen noch weitere hinzu – weiter in den Garten hinein. Dort erleben sie, wie zwei Darstellerinnen des Generationentheaters von Tempus fugit den Zungenbrechertext um „Rhabarber-Barbara“ und ihre „Rhabarber-Barbara-Bar“ rezitieren. Für diese Leistung gibt es wie noch häufiger spontanen Applaus.

In der Folge werden die Zuhörer Zeugen, wie eine „Bestie“ im Tigerfell sich einen Degenkampf mit einem Bestien-Jäger liefert, wie zwischen Stadtkirche und Burghof ein in Zeitlupe geführter Degenkampf um eine Flasche Bier entbrennt und wie vor dem Burghof schließlich ein junger Mann am Oberkörper bemalt wird. Die jugendlichen Darsteller Lucas Miguel, Janosch Penka, Leander Güran und Magali Fischer rezitieren dazu Texte aus dem Buch „Die Niemandsrose“ des Lyrikers Paul Celan.

Gegenpol zu den turbulenten Szenen

Theaterleiterin Karin Maßen berichtet am Rande des Theaterspaziergangs, dass die Akteure die Texte selbst ausgewählt haben. Einen ruhigen Gegenpol zu den teilweise turbulenten Szenen bietet ein Fotoprojekt entlang des Wegs zur Wiese, das von Isabel Ernst, Magali Fischer, Thoja Steenbeck und Sonja Willeke auf die Beine gestellt wurde und Porträtaufnahmen zeigt.

Das Finale des gut einstündigen Spaziergangs spielt sich am Ufer der Wiese ab. Die Wiesen-WG mit unter anderem Jacob Mayer, Sonja Willeke, Stephanie Rettenberger und Isabel Ernst halten eine symbolische Grabrede, schöpfen mit Utensilien vom Gummistiefel bis zur Gießkanne Wasser aus dem Fluss und halten den Zuhörern buchstäblich einen Glasspiegel vor. Das Ganze bewegt sich zwischen dem skurrilen Humor der Briten von Monty Python und dem „absurden Theater“ eines Samuel Beckett. Am Ende gehen die Zuschauer mit vielen Denkanstößen nach Hause.

Die Akteure haben ihre Intention, den öffentlichen Raum mit allen Sinnen erlebbar zu machen, gekonnt umgesetzt und dabei mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben – ein Theatererlebnis also, das lange nachwirkt.

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