Lörrach. Das Schauspielern liegt ihm im Blut. Seit 40 Jahren leitet Günther Geiser (76) das beliebte Lörracher Laientheater „’s Bühneli“. Über seine große Leidenschaft sprach Guido Neidinger mit ihm. Herr Geiser, Sie leiten seit 40 Jahren das Amateurtheater „s’ Bühneli“: Wie kam es dazu" Unsere Gruppe besteht schon länger. Sie hieß früher Laienspielgruppe Hauingen. Ich bin im Jahr 1960 dazu gestoßen. 1975 haben wir dann aus dieser Gruppe heraus das Bühneli gegründet, mit neuem Namen und neuem Konzept. Mit der Neugründung habe ich auch die Leitung übernommen unter der Bedingung, dass wir ein neues Konzept umsetzen. In welche Richtung hat sich das Bühneli unter Ihrer Leitung entwickelt" Die frühere Leitung der Laienspielgruppe Hauingen hat damals eher Stücke des Milowitsch- oder des Ohnsorg-Theaters gespielt. Wir wollten das ändern. Als regionale Bühne wollten wir nicht mehr nur Stücke in Schriftdeutschspielen, sondern auch mit Dialekt-Stücken auftreten. Das hat sich als erfolgreich herausgestellt. Im damaligen Riesgässli-Theater haben wir uns mit diesem Konzept große Zuschauerzahlen erspielt. Wir haben beispielsweise fast alle Stücke des bekannten Heimatschriftstellers Gerhard Jung gespielt, darunter auch die Uraufführung des „Wiiberfresser“. Wir haben uns aber auch an Stücke großer Autoren herangewagt, Sogar Neuklassiker wie „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams haben wir damals aufgeführt. Wann hat Sie das Schauspielvirus infiziert" Vom Theater bin ich seit dem Bubenalter fasziniert. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich in der Nachkriegszeit. Etwa im Alter von zehn Jahren war ich krank. In der Schublade meiner Mutter habe ich ein Theaterheft gefunden. Dabei handelte es sich um eine Schauspielrolle meiner Mutter, die damals beim Musikverein einmal im Jahr Theater gespielt hat. Ich habe das Stück gelesen, und es hat mir sehr imponiert. Ich wollte danach unbedingt auf die Bühne, was aber als Kind nicht möglich war. Das zweite Schlüsselerlebnis hatte ich dann einige Jahre später im Freiburger Theater. Bei einer Aufführung der Verdie-Oper „Der Troubadour“ saß ich ganz vorne. Als der Vorhang aufging, konnte ich all das, was das Theater ausmacht, regelrecht einatmen, zum Beispiel der Geruch der frisch gemalten Kulissen. Das hat mich derart beeindruckt, dass mich jetzt nichts mehr aufhalten konnte. Ich wollte auf die Bühne. Begonnen habe ich zunächst beim Gesangverein Hauingen, bis ich dann recht schnell in der Laienspielgruppe in Hauingen landete. Stehen Sie lieber auf der Bühne, oder führen Sie lieber Regie" Eigentlich stehe ich lieber auf der Bühne, aber die Regiearbeit macht mir auch viel Spaß, weil ich als Regisseur meine Ideen umsetzen kann. Es macht mir immer wieder Spaß, meine Mitspieler zu überzeugen, dass die Umsetzung meiner Ideen in Ordnung geht. Das funktionierte in den vergangenen 40 Jahren sehr gut. Wir hatten nie ein Stück, das geflopt ist und beim Publikum nicht ankam. Von Beruf waren Sie Postbeamter. Warum haben Sie eigentlich nicht den Beruf des Schauspielers gewählt" Fast wäre ich tatsächlich Schauspieler geworden, aber meine Tochter machte mir einen Strich durch die Rechnung. Ich war schon angemeldet an der Folkwangschule in Essen. Ein Arbeitskollege hat mich gedrängt, eine Schauspielausbildung zu machen. Aufgrund der Geburt meiner Tochter hat das dann aber nicht geklappt. Heute bin ich meiner Tochter geradezu dankbar dafür, weil der Beruf des Schauspielers nicht unbedingt erstrebenswert ist, wenn man davon seinen Lebensunterhalt bestreiten und eine Familie ernähren muss. Hatten Sie außer in Hauingen und beim Bühneli weitere Schauspielstationen" Ja, bei den Burgfestspielen Rötteln habe ich von 1970 bis 1985 gespielt. Fünf Jahre war ich noch im Vorstand aktiv. Von 1981 bis 1990 hat das Bühneli-Ensemble im Kellertheater im Riesgässli gespielt. Die Doppelbelastung wurde mir aber zuviel, sodass ich mich ab 1985 nur noch auf das Bühneli konzentriert habe. In den 90er Jahren spielte das Bühneli am Schlössle in Brombach unter freiem Himmel. Warum haben Sie diese Open-Air-Schauspiele recht schnell wieder aufgegeben" Wir hatten dort einen Nachbarn, der uns nicht gewogen war. Der wollte uns vorschreiben, dass wir abends um 22 Uhr mit den Proben aufzuhören hatten und nur zwölfmal im Sommer spielen durften, auch wenn das schönste Wetter herrschte und die Leute gerne gekommen wären. Er kam mit diesen Forderungen bei der Stadt nicht durch. Und so haben wir vier Jahre in Brombach gespielt. Aber die nicht enden wollenden Querelen haben uns zermürbt, sodass wir aufgehört haben. Mitte der 90er Jahre zog das Bühneli in eigene Räume im alten Suchard-Areal. Was bedeutete dieser Schritt für Sie und für das Ensemble" Richtig, wir haben unser eigenes Theater 1997 eröffnet. Zuvor dauerte der Umbau der Räume neun Monate. Das war ein großer und sehr mutiger Schritt, der aber mit immer größeren Zuschauerzahlen belohnt wurde. Wir haben damals mit einer Schuldensumme von 250 000 Mark begonnen. Diese Summe bescherte uns schon etwas mulmige Gefühle. Wir bekamen allerdings günstige Zinsen von der Sparkasse, die Handwerker sind uns entgegengekommen, außerdem hatten wir Ersparnisse. Ein Wagnis war es trotzdem. Aufgrund des sehr guten Zuspruchs konnten wir aber innerhalb von fünf Jahren unsere Schulden abtragen. Mit dem eigenen Theater hatten wir erstmals die Möglichkeit, Getränke zu verkaufen und kleine Snacks anzubieten, sodass wir neben dem Ticketverkauf Nebeneinkünfte erzielen konnten. Hat sich das eigene Haus auch künstlerisch gelohnt" Ja, das vor allen Dingen. Ich hatte das Glück, Rosemarie Hermann-Chaghaghi und Klaus Beck an meiner Seite zu haben. Ergänzt durch die jungen Mitspieler hatten wir so viel Potenzial, um auch Klassiker auf die Bühne zu bringen. So haben wir den Urfaust von Goethe ebenso gespielt wie den „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal. Mit der äußerst anspruchsvollen Komödie „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare haben wir übrigens das eigene Haus eingeweiht. Fühlen Sie sich in Ihren derzeitigen Räumen wohl, oder haben Sie schon mal überlegt, ein neues Domizil zu beziehen" Ich habe daran noch nie gedacht. Ich habe meine Arbeit getan und alles, wie ich meine, gut auf die Reihe gebracht. Mein wichtigstes Ziel ist es, dass das Ensemble in einigen Jahren auch ohne mich weitermachen kann. Die Räumlichkeiten an der Brombacher Straße reichen meines Erachtens aus, nachdem wir neben den 387 Quadratmetern für das Theater schon vor vielen Jahren noch 150 Quadratmeter zusätzlich angemietet haben. Wir hoffen, dass das Haus, das sich ja in Privatbesitz befindet, noch lange erhalten bleibt und wir dort weiterhin ein Zuhause haben können. Was war bisher die größte Herausforderung, der Sie sich mit Ihrem Ensemble gestellt haben" Die größte Herausforderung war zweifellos der Sommernachtstraum mit fast 50 Mitspielern, einschließlich des Balletts. Auch der Urfaust war eine große Aufgabe. Als wir angekündigt haben, dass wir den Urfaust spielen werden, herrschte Skepsis, ob eine Amateurgruppe dieser Herausforderung gerecht werden kann. Aber der Zuspruch war riesig und die Anerkennung groß. Den Urfaust haben wir 35 Mal vor ausverkauftem Haus gespielt. Das bedeutet immerhin, dass 3500 Leute das Stück bei uns gesehen haben. Diese Beispiele zeigen, dass wir nicht nur leichte Theater-Kost servieren können. Das bedeutet aber, dass alle Akteure auf und hinter der Bühne sehr viel Zeit investieren müssen. Ich bin sehr froh, dass meine Schauspieler mit Freude dieses Engagement mitbringen. Haben Sie schon mal ans Aufhören gedacht" Schon seit einigen Jahren denke ich daran, einen Teil meiner Aufgaben aufzugeben, speziell die Regie. Ich hoffe immer noch, dass eine gute Nachfolge gefunden wird. Im Moment fühle ich mich meinen Aufgaben noch gewachsen. Ich hatte mir im vergangenen Jahr zum Ziel gesetzt, den „Sonnyboy“ mit über 500 Texteinsätzen zu schaffen. Nachdem das gelungen ist, weiß ich, dass die Kraft noch da ist.

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