Lörrach Das Ziel: rasch umsetzbare Lösungen

Das Zukunftsforum möchte mit Bürgern aus Zivilgesellschaft, Bildung, Kultur, Sozialem, Politik, Verwaltung und Wirtschaft Lösungen entwickeln, die die Region voranbringen. Das aktuelle Jahresthema: „Lörrach kann Klima“. Foto: zVg

Das Zukunftsforum stellt in diesem Jahr das Thema „Lörrach kann Klima“ ins Zentrum. Neben den fachlich orientierten Denkwerkstätten finden bei der dritten Auflage auch Workshops (Projekt-Camps) statt, in denen Berater Björn Schmitz vom Büro „Philiomondo“ aus Heidelberg den Teilnehmern Methoden des „Design Thinking“ vermittelt. Bernhard Konrad sprach mit dem Experten für die Entwicklung gemeinwohlorientierter Projekte und Start-Ups.

Herr Schmitz, das Zukunftsforum Lörrach + wird erstmals von Ihnen als Experte begleitet. Dabei steht bei den Projekt-Camps „Design Thinking“ als Methode im Zentrum. Was beinhaltet diese Methode – und was unterscheidet sie vom üblichen Vorgehen bei solchen Prozessen?

„Design Thinking“ ist ein lösungsorientierter Ansatz, der Diskussionsprozesse reduziert und durch tiefes Eintauchen in die Bedarfe von Nutzern effektivere Problemlösungen ermöglicht. Damit werden die Denkwerkstätten des Zukunftsforums sehr gut ergänzt.

Ein gängiger Zugang wäre die Formulierung einer Frage entlang der Feststellung: Es gibt den Klimawandel. Wie werden wir also klimafreundlicher? „Design Thinking“ nimmt dagegen eine Perspektive ein, die die Nutzer, sprich: die Bürger ins Zentrum stellt. Die Methode schaut sich – ganz allgemein gesprochen – zunächst den Alltag potenzieller Nutzer an und fragt auf dieser Grundlage: Welche konkreten Lösungen gibt es, damit der Alltag klimafreundlicher gestaltet werden kann?

Was sollten Teilnehmer der Projekt-Camps denn mitbringen – wenn nicht ihre eigenen Ideen?

Vor allem sollten sie Interesse am Dialog, am Zuhören und Offenheit am Alltagsgeschehen der Menschen mitbringen. Sie sollten nicht mit einer vorgefertigten Perspektive und dem ausdrücklichen Ziel teilnehmen, die anderen von ihrer schon vorab festgelegten Idee zu überzeugen.

In diesem Zusammenhang sind Zielgruppen-Interviews vorgesehen. Was hat es damit auf sich?

Die Zielgruppen-Interviews fungieren quasi als Tiefenbohrung der Nutzerperspektive. Eine Gruppe befasst sich etwa mit der Fragestellung, wie die Belebung öffentlicher Plätze in Lörrach gelingen kann. Auf dieser Basis würden Bürger befragt, wie sie die öffentlichen Plätze in der Stadt wahrnehmen, wie sie diese nutzen, wo sie Verbesserungsbedarf sehen. Es geht bei diesen Interviews darum, die Perspektive und Bedarfe der Nutzer genauer zu ergründen.

Wie sieht das Prozedere konkret aus? Und: Muss nicht eine bestimmte Anzahl von Menschen interviewt werden, um belastbares Datenmaterial zu erhalten?

Es genügt durchaus, solche Interviews im eigenen Bekanntenkreis zu führen, man kann, muss sich hierfür aber nicht auf die Straße stellen.

Die Frage nach der Belastbarkeit wird in diesem Zusammenhang häufig gestellt – wir sind hier allerdings nicht wissenschaftlich unterwegs. In der Regel reichen fünf, sechs intensiv geführte Interviews mit einer Länge von rund einer Stunde, um fundierte Informationen zum Thema zu sammeln. Wenn ich diese beisammen habe, kommt man relativ schnell zu ersten Lösungsansätzen – wir nennen sie Prototypen. Diese Ansätze werden abermals mit den Bedürfnissen der Zielgruppe abgeglichen.

Die von Ihnen beispielhaft formulierte Fragestellung ist von öffentlichem Interesse, aber zumindest nicht auf den ersten Blick ein klimarelevanter Ansatz.

Gleichwohl könnten diese Plätze etwa genutzt werden, um dort künftig eine Debattenkultur zum Thema „Klimaschutz“ zu etablieren. Solche Verbindungen werden erst in den kommenden Schritten hergestellt.

Die Ausgangsfrage könnte natürlich auch sein, wie Mobilität in Lörrach verbessert werden kann – hier wäre der Klimabezug auf Anhieb erkennbar. Aber auch bei dieser Fragestellung wäre der Ansatz, zunächst Mobilität in Lörrach zu verstehen. Auf dieser Grundlage könnten bessere Angebote entwickelt werden. Hierfür muss ich aber nicht über, sondern mit Autofahrern reden, um zu begreifen, wie ihre Bedürfnisse, Handlungs- und Denkmuster aussehen.

Im nächsten Schritt wird den Gesprächspartnern – in diesem Fall den interviewten Autofahrern – ein Lösungsansatz, ein erster Prototyp angeboten, um herauszufinden, ob dieser Ansatz interessant ist, oder nicht. Wenn nicht, müssen wir neu nachdenken. Sind die Rückmeldungen positiv, könnte an dieser Lösungsofferte weiter gearbeitet werden.

Wie wirkt die Methode im Idealfall?

Im Idealfall werden kleine und rasch umsetzbare Lösungen – Dienstleistungen, Handlungsmöglichkeiten, Produkte – entwickelt, die das Thema Klimaschutz in Lörrach fördern. Welche Lösungen letztlich entwickelt werden, muss der Innovationsprozess zeigen. Ein Beispiel: Greenpeace hat lange ausschließlich über Bewusstseinsschärfung und Aktionen auf das Thema „Umweltschutz“ aufmerksam gemacht. Irgendwann kam man aber zur Auffassung, dass eigenes Handeln als Ergänzung zur Debatte sinnvoll und zielführend ist. Das war der Impuls, um mit Greenpeace Energy nachhaltige Energie in Deutschland zu produzieren. Das heißt: Nicht nur fordern, sondern auch selber machen.

Welche Eindrücke und Erfahrungen haben Sie bislang beim Zukunftsforum in Lörrach gesammelt?

Ich finde es großartig, dass dieses Forum die komplette Bandbreite der Bürgerschaft ansprechen möchte: vom Schüler bis zum Senior. Charakteristisch ist auch ein Mix der Mentalitäten. Etliche Teilnehmer sind sehr offen für den „Design Thinking“-Ansatz. Andere sagen, so große Fragestellungen wie „Klima“ lassen sich nur systemisch lösen, sie sind eher der Auffassung: Wir brauchen hier politische Lösungen. Gleichwohl können viele funktionierende kleine Lösungen ebenfalls einen großen Effekt haben.

„Design Thinking“ ist aber immer im Gesamtzusammenhang mit den anderen Facetten des Zukunftsforums zu sehen: Debattenkultur, Denkwerkstätten, Projekt-Camps, Umsetzungswerkstätten. Jedes Element für sich genommen wäre zu kurz gegriffen. Und: Ich kenne keine Form des zu einem bestimmten Thema initiierten bürgerschaftlichen Engagements, das so ausdifferenziert aufgestellt ist, wie das Zukunftsforum Lörrach +. Ich hoffe, es gelingt, dieses Format in der Stadt zu verankern.

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