Lörrach Der Genuss spätromantischer Morbidität

Das SWR Sinfonieorchester posiert, in Lörrach durfte nur während des Schlussapplauses fotografiert werden. Foto: zVg/Borggreve Foto: Die Oberbadische

Von Willi Vogl

Lörrach. „Dem Auftrag des Schweizer Dirigenten Paul Sacher verdanken wir heute Richard Strauss‘ ‚Metamorphosen. Studie für 23 Solostreicher‘. Das intime Werk entstand aus einer ‚Stimmung der Verzweiflung‘ heraus und im Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs. In eindringlicher Weise berührt hier auch ein Zitat aus dem Trauermarsch von Beethovens ‚Eroica‘ und symbolisiert Strauss’ sehr persönliche ‚Trauer um München‘….“

So oder so ähnlich wird über diese Musik gern in Konzertberichten geschrieben. Lässt man alle biografischen, motivativen und sonstigen eher außermusikalisch beschreibenden Momente beiseite, so eröffnet sich der Blick auf ein starkes lyrisches Werk. Die Musik bedient sich Beethoven‘scher und Wagner‘scher Zitate und vor allem einer vom Komponisten lebenslang verfeinerten Satztechnik. Gleich zu Anfang werden in einer weit aufgefächerten Bassregion die vorherrschenden dunklen Farben zwischen mulmiger Verdichtung und warmer Wucht deutlich.

Das taktstocklose Dirigat von François-Xavier Roth, Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, schien dem expressiven Duktus der Komposition am Dienstagabend im Lörracher Burghof grundsätzlich zu entsprechen. Gleichzeitig sind mit diesem durchgängig emotionsgeladenen Schlaggestus die zurückgenommen und fahlen Farben des Werks etwas zu kurz gekommen. Nicht zu kurz kam das Lörracher Publikum jedoch mit dem Genuss einer satten Strichführung der Solisten und einer damit genüsslich inszenierten spätromantischen Morbidität.

Hohe spieltechnische Standards

„33 Veränderungen über 33 Veränderungen. Eine komponierte Interpretation von Beethovens Diabelli-Variationen“ nennt Hans Zenders seine 2011 entwickelte Liebeserklärung an den Wiener Meister. Während Zender in seinem kompositorischen Weiterdenken von Schuberts Winterreise die poetische Dimension klanglich intensivierte, sah er sich bei Beethovens Vorlage vor allem mit technischen Fragen des Variationsgenres konfrontiert. Über weite Strecken wurde damit sein Herangehen zum Wahrnehmungsproblem. Die unvermeidliche Gratwanderung zwischen Originalzitat und figürlicher wie klanglicher Veränderung geriet angesichts des klassischen Formkorsetts abstrakt, eindimensional, schematisch und letztlich etwas uninspiriert. Raffinesse und Amusement? Fehlanzeige. Sogar die mögliche Absicht einer ironischen Brechung wurde durch die Vorhersehbarkeit von Bewegungsmustern ad absurdum geführt.

Das Beethoven‘sche Spielzeug war kaputt. Der allzu analytische Umgang mit seinen Einzelteilen entwickelte nur vereinzelt genügend Sogwirkung, etwa mit aparten Klangmischungen von tiefem gedämpften Blech, ungewöhnlichen Stricharten der Streicher und grellen Mixturen in den Holzbläsern.

Immerhin merkte man so bei einigen Variationen, dass hier ein Tonsetzer am Werk war, der handwerkliche Fragen der Instrumentation im kleinen Finger hat.

Trotzdem oder gerade deshalb kann man die Programmplanung des SWR Sinfonieorchesters nicht hoch genug einschätzen. In guter Routine und mit hohen spieltechnischen Standards stellte es dem Lörracher Publikum im Burghof das Werk eines Komponisten vor, das sich (noch) nicht im abgesicherten Repertoiremodus befindet und dennoch einen unverzichtbaren Teil unseres heutigen Musiklebens darstellt.

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