Lörrach Die Mitte der Stadt verloren

Lörrach - Die Welt hielt am Montagabend fassungslos den Atem an: Die traditionsreiche Pariser Kathedrale Notre Dame brannte lichterloh. Für die Lörracher weckte dies schlimme Erinnerungen: Am Sonntag, 15. Juli 2007, brannte frühmorgens die Kirche St. Bonifatius – ebenfalls lichterloh und ebenfalls in der Mitte der Stadt.

„Das Entsetzen war groß, als ich die Bilder im Fernsehen gesehen habe. Ich habe sofort an den Brand von St. Bonifatius gedacht, obwohl ich damals noch gar nicht in Lörrach war“, sagte der katholische Pfarrer Thorsten Becker gestern im Gespräch mit unserer Zeitung.

Gefühl von Heimatlosigkeit

Gerade in der Karwoche, wenn das größte Fest für die Christen bevorstehe, mache sich bei einem solchen Brand plötzlich ein Gefühl von Heimatlosigkeit breit, so Becker. „Ich glaube sehr, dass dieses Gefühl weniger vom materiellen Verlust herrührt, sondern sehr stark emotional begründet ist. Die Kirche ist nicht einfach nur ein Gebäude, sondern sie ist Heimat und Identifikation, ein Ort, an dem man möglicherweise getauft wurde, geheiratet hat und mit einem Requiem geliebte verstorbene Menschen betrauert hat.“

Das gelte selbst für Menschen, die mit Gott im Alltag eigentlich wenig oder keine Berührung hätten. „Kirche ist einfach die Mitte, der Nabel einer Stadt.“ Die Kirche St. Bonifatius liefert für Becker dafür einen deutlichen Beleg: „Mehr als 100 Menschen besuchen die Kirche täglich, nachdem sie beim Arzt, im Krankenhaus waren, vor Gericht standen oder sich in anderen Krisen befinden. Kirche ist dann für diese Menschen ein Ort der Hoffnung.“

Auch wenn Lörrach viel kleiner ist als Paris und St. Bonifatius nicht die Bedeutung von Notre Dame besitzt, „das Entsetzen war in Lörrach genauso groß wie in Paris“, weiß Becker aus vielen Erzählungen.

Tagelang unter Schock

Die Stadt stand vor zwölf Jahren tagelang unter Schock, nachdem am frühen Sonntagmorgen kurz vor 5 Uhr die Glocken zunächst wirr geläutet hatten und hohe Flammen aus dem Dachstuhl und Kirchturm schlugen. „Durch das seltsame Läuten um diese Uhrzeit bin ich aufgewacht und auf den Balkon gelaufen. Es war grausam, die Kirche und den Glockenturm in hellen Flammen stehen zu sehen. Ich konnte nicht glauben, dass unsere Kirche brennt“, schilderte eine Anwohnerin vor zwölf Jahren den Brand.

Ähnlich wie Becker jetzt, äußerte sich auch dessen Vorgänger, Pfarrer Matthias Ibach, kurz nach der Feuersbrunst: „Es ist der Mittelpunkt, das Zentrum einer Gemeinde, das da wegbricht. Wenn man die Kirche plötzlich nicht mehr hat, dann wird so richtig deutlich, wie wichtig sie ist.“ Auf die Frage, wie die Gemeindemitglieder reagiert haben, antwortete Ibach im Interview: „Bestürzung, Sprachlosigkeit, Trauer. Immer wieder wurde die Frage gestellt: Wie geht’s weiter? Es waren schon viele Menschen da, die ihre Hilfe angeboten haben. Es ist unglaublich, welcher Bereitschaft man da begegnet.“

Parallelen zwischen Notre Dame jetzt und St. Bonifatius damals drängen sich geradezu auf. In St. Bonifatius lag der Brandherd im Dachstuhl und griff auf den Kirchturm über, der völlig ausbrannte - ähnlich wie in Paris. Als Brandursache stellte sich später ein Schwelbrand durch eine defekte Stromleitung im Dachgebälk heraus.

Für Laien drängt sich die Frage auf, wie es in Kirchen, die als weitgehend steinerne Gebäude wahrgenommen werden, zu solch verheerenden Bränden kommen kann. Der Lörracher Stadtbrandmeister Manuel Müller erklärt dazu, dass der Anteil an Holz in Kirchen nicht zu unterschätzen sei. Stühle, Bänke, hölzerne Dachstühle und Emporen, die häufig aus sehr trockenem Holz bestehen, haben laut Müller durchaus das Potenzial Kirchen in ein Flammeninferno zu verwandeln. Hinzu kämen möglicherweise Staubschichten auf dem Dachgebälk, die die Feuersbrunst ebenfalls sehr begünstigen könnten.

Wenn der Brandherd dann eine entsprechende Hitze erreicht habe, „beginnen auch die Steine zu bröckeln und zu platzen, sodass die gesamte Gebäudestruktur gefährdet ist“, erläuterte Müller.

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