Lörrach Die vielen Seiten des Lebens

Lörrach - Am 20. März hätte sie im Lörracher Dreiländermuseum eröffnet werden sollen: die Ausstellung „Von allen Seiten“ des Vereins Bildende Kunst Lörrach (VBK) mit Skulpturen und Objekten. Nach der coronabedingten mehrwöchigen Museumsschließung ist diese mit Werken von fünf Künstlern nun ab sofort zu besichtigen – mit maximal 20 Personen gleichzeitig (wir berichteten bereits). Es sind drei in der hiesigen Regio sehr bekannte Namen, die hier zusammengefunden haben: Die Bildhauerin Maike Gräf aus dem Markgräflerland mit Berliner Atelier, Bernd Warkentin aus Lörrach sowie Paolo Pinna, der ebenfalls seit Jahrzehnten künstlerisch präsent ist. Ergänzend dazu wurden die Keramikerin Chantal Toussaint sowie Angela Flaig mit Gebilden aus Pflanzensamen eingeladen.

Die von Gabriele Menzer und Hanna Benndorf kuratierte Schau erobert auf ganz unterschiedliche Weise mit ihren kreativen, meist dreidimensionalen Arbeiten den Raum. Man habe kaum noch zu hoffen gewagt, diese ambitioniert zusammengestellte Ausstellung der Öffentlichkeit präsentieren zu können, sagt die VBK-Vorsitzende Marga Golz. Zwar wurden via Link die Werke bereits online präsentiert. „Die virtuelle Version kann jedoch niemals die reale Begegnung mit Kunst ersetzen.“

Um so glücklicher sind Künstler und Kuratoren nun darüber, dass es unter Berücksichtigung der üblichen Vorsichtsmaßnahmen nun doch ermöglicht wurde. Bei gewährtem Abstand können die Kunstwerke auch ohne Maske betrachtet werden, sagt Museumsleiter Markus Moehring bei der Präsentation vor der Presse.

Dass Künstler und Kunstwerke die Auseinandersetzung mit dem Betrachter brauchen, unterstreicht auch Maike Gräf. Sie hat sich vom Ausstellungstitel „Von allen Seiten“ inspirieren lassen und aus verschachtelten Elementen die Installation „TransFormArtion“ geschaffen. Raumgreifend und begehbar kann sich der Besucher vorsichtig, neugierig, fasziniert, vielleicht auch irritiert zwischen den Skulpturen bewegen, sie aus verschiedenen Perspektiven betrachten und dem Transformationsprozess nachspüren.

Auf verkohlt wirkenden Teilen unterschiedlich hoher Holzstämme türmt Maike Gräf ihre Gebilde, schafft eine Stimmung, die das ganze menschliche Sein umfasst. Wir sehen Lebensfreude und Trauer, Liebe und Tod, Sex und Geburt. Im Zentrum der Installation steht gleich einem Mahnmal der säulenartige „Cosmopolit“. Neues Leben schält sich aus einer verkrusteten, verbrannten Struktur. Da liegen Assoziationen zur aktuellen Coronakrise auf der Hand, doch auch andere Zeitthemen lassen sich hier unschwer herauslesen, wie die Klimadebatte, mit der Erfahrung verbrennender Erde und der Sehnsucht nach neuem Leben.

Die Zahl sieben hat es dem Lörracher Bildhauer Paolo Pinna angetan. Von ihr ließ er sich zur Figurengruppe Planeten inspirieren, die er übermannshoch aus Drahtgestell, Stahl, Beton, Montageschaum und Leinen gefertigt hat. Mond, Jupiter & Co kreisen um die zentrale Sonnenfigur, eine Figurenkonstellation, die den Ausstellungsschwerpunkt „Von allen Seiten“ trifft. Gezeigt wird auch eine Auswahl zuweilen archaisch wirkender Skulpturen – Torsi oder Köpfe. Die wirkungsvollen, herausgearbeiteten Strukturen auf Holz und Stein sind oft reduziert, zeigen die Faszination des Künstlers von allem Menschlichen, dessen Wurzeln in Geschichte und Mythologie sowie in der Natur.

Bernd Warkentin widmete sich ursprünglich Zeichnung und Malerei, später entdeckte er die Faszination der Steinbildhauerei. Das Ringen um den Stein, die Herausforderung, aus dem spröden Material seine Vorstellungen herauszuarbeiten – all dem stellt sich der Lörracher Bildhauer in immer wieder neuen Variationen. In jüngster Zeit wird er dabei zunehmend figürlich, wovon auch die gut gelaunte „Festgesellschaft“ aus vier Marmorköpfen zeugt. Seine haptischen, weiß und schwarz glänzenden organischen Formen aus Carrara-Marmor zeugen von zwischenmenschlicher Harmonie, von der Sehnsucht nach Verschmelzung. Bronzen, darunter auch Tierfiguren, erweitern Warkentins Spektrum. Buchstäblich von allen Seiten und damit auch von unten betrachten lässt sich „Island in the sun“, eine aus Marmor und Glas spiegelbildlich angelegte Arbeit.

Erstaunlich sind die filigranen duftigen Arbeiten von Angela M. Flaig aus Rottweil. Ihre zarten Gebilde aus Flugsamen unterschiedlicher Pflanzen entstehen im Spannungsfeld zwischen Arte Povera und Minimal Art in einem zeitaufwendigen, geradezu meditativen Schaffensprozess. Sie zeigt in ihrer sehr eigenen Formensprache Materialbilder, Objekte und Installationen, verfremdet darin Alltägliches, changierend zwischen klarer geometrischer Strenge und zerbrechlicher Leichtigkeit.

Die Keramikerin Chantal Toussaint interpretiert in der Serie „Canope“ Formen altägyptischer Vasen, Gefäße, die indes nicht zu öffnen, nicht nutzbar sind. Originell sind auch ihre Landschaften und Landkarten für imaginäre Reisen. Ihre geheimnisvollen Porzellanobjekte versprechen geheimnisvolle Wege. Meist kleinformatig, animieren sie zur Konzentration – verweisen gedanklich auf fremde Kulturen, lassen Humor ebenso wie Poesie aufblitzen – das Leben von all seinen Seiten.

  Bis 5. Juli, Dreiländermuseum Lörrach

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