Lörrach Endspiel gegen braunen König“

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Von Jürgen Scharf

Lörrach. Ein Passagierschiff bei der Überfahrt von New York nach Südamerika. Wir befinden uns auf dem Promenadendeck. Im Rauchersalon versammeln sich Passagiere zu einem Schachturnier der besonderen Art. Das Unglaubliche passiert: Nachdem eine Gruppe drittklassiger Spieler das Match gegen den Schachweltmeister Czentovic schon nach wenigen Zügen verloren hat, mischt sich bei der Revanche ein Unbekannter, der namenlose Dr. B., in die Partie ein und erreicht ein Remis gegen den stärksten Schachspieler der Welt.

Später stehen sich die beiden gegensätzlichen Spieler am Brett bei diesem Kräftemessen gegenüber und man spürt den Hass der „Feinde“. Dass sich die berühmte „Schachnovelle“ von Stefan Zweig nicht nur um ein spannendes Turnier dreht, wird auf einer anderen Erzählebene klar. Dr. B. schildert dem Ich-Erzähler sein Leben, erzählt von seiner Isolationshaft bei der Gestapo, von Verhören, und wie er die perfide Einzelhaft im grauen Nichts der Zelle durch ein Buch über 150 Meisterpartien im Schach überstanden hat, die er auswendig lernte und systematisch nachgespielte – mit Figuren aus Brotresten auf der karierten Bettdecke.

Es wird bald klar, dass dies eine Metapher für die Zeit ist. 1941 wurde diese „beste deutsche Novelle“ veröffentlicht, kurz vor dem Suizid des Wiener Literaten Zweig. Im finalen Schachzug kann man ein Endspiel gegen den braunen „König“ sehen, ein Bild für den Kampf gegen das totalitäre faschistische System.

Beste deutsche Novelle als Metapher für die Zeit

Doch zurück zur „Schachkrankheit“ des Dr. B. und seinem Duell gegen den Champion an den 64 Feldern des königlichen Spiels. Czentovic, ein unmenschlicher Schachautomat, spielt extrem langsam, nutzt die zehnminütige Dauer für einen Spielzug aus, unbeirrt, stoisch, unerschütterlich, teilnahmslos. Damit entnervt er seinen Gegner völlig. Dr. B., nervös, fahrig, unruhig, Zigaretten rauchend, ist immer schnell am Zug. In der ersten Partie schafft er es, dass der Schachmeister kapitulieren muss, aber die zweite Partie muss er abbrechen, weil er sich in die Erinnerung und das Schachfieber aus der Einzelhaft psychisch hineinsteigert.

In dieser Novelle zeigt sich Zweig als ein Psychologe des Unterbewussten, der einen geheimnisvollen Fall durchspielt.

Max Moor, Schauspieler und Kulturmoderator, der die „Schachnovelle“ am Donnerstag im gut besuchten Burghof vortrug, versteht sich in die psychoanalytische Diagnose einzuklinken. Moor liest textbezogen, nuancenreich, dramatisch, lebt den Text und hat das Vermögen, der Lesung einen Rhythmus zu unterlegen. Manchmal dröhnt seine markante männliche Stimme, wenn er sie dem eigenwilligen McConnor leiht. Wenn er könnte, würde Moor mit der Faust aufs Schachbrett hauen.

Die Mission des Textes, in die der Zuhörer durch den stimmgewaltigen Sprecher entführt wird, rundet das begleitende Jazztrio ab. Der melodiöse, poetische Klavierjazz des skandinavischen Emil Brandqvist Trios in der Basisformation mit dem finnischen Pianisten Tuomas Turunen und den beiden Schweden Emil Brandqvist am Schlagzeug und Max Thornberg am Bass erweitert atmosphärisch und nie solistisch die Stimmung zwischen den Leseblöcken dieses Literaturprogramms.

Die Musiker, die seit zehn Jahren in unveränderter Besetzung auftreten und eine Hausnummer im europäischen Jazz sind, spielten Stücke aus den CDs „Falling Crystals“ und „Seascapes“ – das neueste Album kommt dieser Tage erst heraus, lag aber schon am Abend auf dem CD- und Signiertisch.

Nordische Balladen, glitzerndes Klavierspiel

Man hörte vor allem Slow Ballads, langsame, zarte nordische Balladen, etwas kühl, trocken, kammermusikalisch-fragil, nicht so dynamisch-rockig wie etwa das Tingvall-Trio, eine ruhige „Vals“ und das Stück „Grimsholmen“, das musikalische Porträt eines kleines Dorfs an der Westküste Schwedens.

Man hörte auch, dass die Musik von Brandqvist, der die Kompositionen selber schreibt, viel mit Wasser zu tun hat. Sie plätschert sanft vor sich hin, mit perlendem, glasklarem und glitzerndem Klavierspiel des Neoromantikers Turunen, und auch die Titel sagen einiges darüber.

Dass das Trio nach dem Namen des Schlagzeugers benannt ist, ist relativ ungewöhnlich, aber Brandqvist, auch ein toller Arrangeur, trägt maßgeblich zum entspannten, eingängigen Sound bei. Nach dem „leidenschaftlichen Spielfieber“ in der Novelle war die Zugabe des Trios ganz relaxed.

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