Lörrach „Es gibt keine Provinz, es gibt nur Welt“

Lörrach - Im vollbesetzten Hebelsaal des Dreiländermuseums nahm am Sonntag der elsässische Schriftsteller Pierre Kretz den diesjährigen Hebeldank in Form des „Schatzkästleins“ entgegen. Alljährlich führt diese vom Hebelbund gepflegte Tradition Freunde des großen Dichters und der alemannischen Heimat zusammen.

Kretz erwies sich der Ehrung sehr würdig, denn er ging in seinen Dankesworten sofort auf das ureigenste Anliegen Hebels ein: die Pflege der alemannischen Sprache und des vielfältigen Ausdrucks mit ihr. In purem Elsässisch nahm er Bezug auf seine Lebensgegend. Nicht in starrem Hochdeutsch wolle er reden und schreiben, sondern in veränderlicher Sprache. Im Elsass sei dies besonders spürbar. Die häufigen Wechsel zwischen deutscher und französischer Zugehörigkeit seien nicht ohne Folgen für die Sprache geblieben. So mussten die Bewohner dort mal mehr „verdeutscht“ reden, dann wurden sie ausschließlich zum Französischen genötigt.

Jährlich verschwinden 80 Dialekte und Sprachen

In den vergangenen Jahren habe leider die zentralisierende Tendenz der französischen Politik einen negativen Trend ausgelöst. Die Zahl der elsässisch sprechenden Bewohner verringere sich. Anfängern werde es schwer gemacht, den Dialekt aktiv zu sprechen.

Als Kretz einige Passagen auf Hochdeutsch vortrug, war nicht zu überhören, dass ihm dies nicht sonderlich liegt. „Jegliche Sprache, auch die Dialekte, entwickeln sich ohnehin schon im Leben, da sollten wir nicht noch künstlich beeinflussen“, mahnte er. „ Derzeit bemühen sich viele Vereine im Elsass um Pflege des Elsässischen, doch das reicht eben nicht aus, wenn der Alltagsgebrauch zurückgeht. Schon jetzt verschwinden jährlich 80 Dialekte und Sprachen, damit können wir uns doch nicht zufrieden geben“, meinte er besorgt.

Dass Kretz ein Freund der heiteren Bewältigung zeitgemäßer Probleme ist, belegte er mit seinem Bericht über ein Telefonat spätabends. Johann Peter Hebel rief ihn an und habe sich beklagt über den lausigen Zustand des Alemannischen. Dagegen helfe doch nur eins, was er, Hebel, auch gemacht habe: schreiben, schreiben, schreiben. Doch Kretz ergänzte nachdenklich, wer dies alles wohl lesen solle, wenn keiner mehr Dialekt spricht, kann ihn auch bald keiner mehr lesen.

Der im Vogesental von Sainte-Marie-aux-Mines lebende Autor schreibt seit rund 20 Jahren Romane und Gedichte, zuvor arbeitete er als Anwalt. Betrübt berichtete er von einem Erlebnis in Mittelbaden. Als er ein alemannisches Theaterstück zur Aufführung bringen wollte, sei ihm angeraten worden, das Stück doch mit hochdeutschen Übertiteln zu versehen.

Besser Französisch statt Englisch im Kindergarten

Dieses mitunter fehlende Verständnis mitten in Europa hatte zuvor schon Arnold Stadler, Hebelpreisträger von 2010, in einem Vortrag aufgegriffen. Er widmete sich dem Weltbild Hebels, der immer wieder seine Gegend, wo er jeweils lebte, als Teil der gesamten Welt sah: „Alles ist Welt, es gibt keine Provinz,“ meinte Stadler. „Wir vergessen nur, unsere Identität zu pflegen.“

So habe er kein Verständnis dafür, das Eltern mitunter bereits in Kindergärten das Erlernen von Englisch fordern, wenn schon eine Fremdsprache in diesem Alter, dann doch die uns naheliegende, also Französisch. „Wie sollen diese Kinder Bezüge zu unserer durchmischten Gegend in Europa finden?“ fragte er. Ebenso unpassend sei es doch, dass sich heute junge Leute über das Display sagen lassen, wo sie gerade sind, statt einfach aus dem Fenster zu schauen, um die Gegend optisch und akustisch zu erschließen.

Hebel habe zwar stets einen engen Bezug zu seiner Umgebung gesucht und gefunden, doch so sei Weltliteratur entstanden, keine Provinzliteratur. Erst der Blick auf das Kleine als Teil des Großen lasse Zusammenhänge klar erkennen. „Wenn ein Liter Wasser mehr kostet als ein Liter Milch, so lange Menschen beim Versuch, Europa zu erreichen, im Meer ertrinken und wir an jene Waffen liefern, die sie quälen, stimmt etwas nicht mit Europa“, war die klagende Bestandsaufnahme von Stadler.

Volker Habermeier, Präsident des Hebelbundes, hatte das Jahresmotto „Vergänglichkeit“ in seiner Begrüßung vorangestellt. Dies treffe auch für die Formen der Sprache zu.

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