Lörrach Fakten contra Gefühle

Referentin Judith Nihues (r.) und Organisatorin Heike Walterscheid Foto: Markus Greiß

Lörrach - „Die Schere klafft auseinander“, titelte das Handelsblatt im Mai 2019 und sprach damit offenbar vielen Deutschen aus der Seele. 82 Prozent der Befragten einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gaben an, dass die soziale Ungleichheit in Deutschland zu groß sei, wie „Zeit online“ im selben Monat meldete. Doch lässt sich die gefühlte Zunahme der Ungleichheit mit Zahlen belegen?

Dieser Frage ging Judith Nihues vom Institut der deutschen Wirtschaft am Dienstagabend nach – und folgte damit einer Einladung Heike Walterscheids vom Aktionskreis Freiburger Schule, der nach eigener Aussage für „mehr Selbstverantwortung und weniger Staat“ eintritt. Niehuis beleuchtete im gut besuchten Sparkassenforum anhand zahlreicher Statistiken die Einkommens- und Vermögensentwicklung der Deutschen. Ihr Fazit: Es stimme, dass die Einkommensungleichheit heute höher sei als in den 1980er und 1990er Jahren. Aber: Seit 2005 habe sie sich statistisch aber nicht verändert, wenn man den Einfluss der Migrations- und Geflüchteten-Stichproben auf die Datenbasis ausklammere.

Und mit Blick auf die Vermögen gebe es für die Zeit seit 2002 „keine Evidenz für einen Anstieg der Konzentration“. Allerdings seien die Vermögen grundsätzlich schlecht erfasst, was die Betrachtung der Zahlen unsicher mache.

Dass die Vermögen ungleich verteilt seien, stehe aber außer Frage. Laut einer von Nihues präsentierten Statistik besitzen hierzulande die oberen zehn Prozent der Bevölkerung 65,1 Prozent des Gesamtnettovermögens. Die Vermögenskonzentration in Deutschland entspricht demnach in etwa der von Wohlfahrtsstaaten wie Norwegen und Dänemark, was zunächst überraschen mag. Nihues‘ Erklärung: Die Rentenanwartschaften in den gesetzlichen Rentenkassen von Sozialstaaten werden durch die Vermögensstatistiken nicht erfasst. Berechnet man diese ein, sinke der Nettovermögensanteil der oberen zehn Prozent der Deutschen deutlich, während jener der unteren 80 Prozent steige.

In die Kategorie der sehr wohlhabenden Personen fielen auch die vor allem in Westdeutschland stark vertretenen Familienunternehmen. Ihnen käme wegen ihrer tendenziell nachhaltigeren Firmenpolitik, ihrer stärkeren regionalen Verankerung und niedrigeren Mitarbeiterfluktuation eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zu.

Laut Niehaus gibt es kaum noch geeignete Maßnahmen, um spürbar etwas an der Vermögensungleichheit zu ändern. Auch eine mögliche Wiedereinführung der Vermögenssteuer bezeichnete sie als eher symbolische Maßnahme, die faktisch keinen Effekt auf die Vermögensungleichheit habe.

„Viele Leute haben das Gefühl, dass etwas nicht stimmen kann“, wenn bei einem Großunternehmen Leiharbeiter deutlich schlechter bezahlt würden oder ein verantwortlicher VW-Manager trotz Milliardenstrafen in den USA hohe Abfindungen kassiere, warf ein Zuhörer während der Fragerunde ein. Nihues antwortete, sie wolle Probleme nicht kleinreden sondern realistisch betrachten. Und da „haben wir ein Bild, das sich von der realen Situation entfernt“.

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