Lörrach Kameradschaft, Spaß und Ehrenamt

mek, 12.10.2018 06:00 Uhr
Im Landkreis Lörrach gibt es 29 Jugendfeuerwehren mit 63 Jugend- und vier Kindergruppen. Die 745 Mitglieder sind in der Kreisjugendfeuerwehr Lörrach organisiert, die in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum feiert. Ihre Wurzeln liegen in der Stadt Lörrach. Dort findet am morgigen Samstag auf dem Alten Marktplatz auch der offizielle Festakt statt, weitere Veranstaltungen sind, beziehungsweise waren in Höllstein und Kandern (siehe Infokasten). Kristoff Meller hat sich mit Kreisjugendfeuerwehrwart Markus Hasler und Hans-Frieder Uebelin  (Kreisjugendfeuerwehrwart von 1998 bis 2008) über die Geschichte, das ehrenamtliche Engagement und heutige Probleme unterhalten.

Die Kreisjugendfeuerwehr feiert ihren 50. Geburtstag, die Lörracher Jugendfeuerwehr ist sogar noch vier Jahre älter. Warum wurden damals überhaupt separate Gruppen für Jugendliche in Lörrach ins Leben gerufen?  

Hasler: Das Feuerwehrwesen ist natürlich schon deutlich älter. Die Jugendfeuerwehren sind vor allem zur Nachwuchsgewinnung entstanden.    Uebelin: Um Nachwuchskräfte für den Feuerwehrdienst zu finden, wurden in den 1960er Jahren im ganzen Land Jugendfeuerwehren gegründet. Die ältesten im Landkreis sind Maulburg, Lörrach, Atzenbach, Schopfheim und Rheinfelden. Diese wurden damals in der Kreisjugendfeuerwehr gebündelt. Anfangs waren es vielleicht zehn oder zwölf Jugendfeuerwehren, zu Glanzzeiten um die Jahrtausendwende hatten wir über 40 mit dem höchsten Stand von rund 1100 Jugendlichen.  

Auf kleine Kinder üben Blaulicht und Brände eine große Faszination aus, aber wie schwer ist es, in Zeiten von Ganztagsschule und Internet, Jugendliche für dieses ehrenamtliche Engagement zu begeistern?

Hasler: Rote Autos und blaue Lichter ziehen schon immer. Darum können wir im Kinderbereich auch viele für die Jugendfeuerwehr begeistern, viel schwieriger ist es, sie langfristig zu halten. Das sehe ich als größtes Problem für die Zukunft. Denn die Ausbildung, welche die Jugendlichen absolvieren müssen, bevor sie zu den Aktiven wechseln, ist schon sehr zeitintensiv und beinhaltet viele Lehrgänge. Dazu kommt dann meist noch der erste Freund oder die erste Freundin, steigende Anforderungen in der Schule oder sogar ein Auslandsjahr.   

Uebelin: Die Grundausbildung für den aktiven Dienst beginnt mit 17 Jahren. Dafür sind schon mal drei Lehrgänge notwendig. Wer da noch parallel die Führerscheinausbildung und Schulabschluss vor der Brust hat, für den ist das natürlich nicht einfach. Aber wer wirklich Interesse an der Feuerwehr hat, der zieht das durch. 
 
In anderen Bundesländern wird den teils massiven Nachwuchssorgen inzwischen mit aufwendigen Werbekampagnen begegnet, wie ist die Situation im Landkreis?  

Hasler: Aktuell sind 745 Jugendliche in 29 Jugendfeuerwehren organisiert – das ist ausbaufähig, aber ok. Die Mitgliederwerbung ist natürlich schon ein großes Thema. Wir müssen auf jeden Fall mit der Zeit gehen und uns öffnen, sonst sind wir irgendwann weg. Darum gibt es jetzt auch Kindergruppen, damit schon Sechs- bis Zehnjährige ein Teil der Feuerwehr werden können und wir sie früher binden. Denn zum Fußball oder Handball gehen die Kinder mit vier Jahren.  

Die Feuerwehr kam also bisher immer etwas zu spät?  

Hasler: Ja, wir waren da etwas spät dran. Früher konnte man erst ab zwölf oder sogar mit 14 Jahren in die Jugendfeuerwehr. Das Land wünscht sich nun seit ungefähr fünf Jahren gezielt Kindergruppen. Das setzt aber natürlich ein anderes Programm voraus. Man muss das Thema Feuerwehr spielerisch rüberbringen.   
Die Gruppenleiter sind dadurch anders gefordert und benötigen mehr pädagogische Kenntnisse?  
Hasler: Richtig. Man absolviert als Jugendwart oder Ausbilder einen Jugendgruppenleiter-Lehrgang und erhält dort das nötige Handwerkszeug für die Arbeit in den Gruppen. Aber man muss mit den Kindern umgehen können und sie erreichen. Das ist entscheidend.  

Warum ist es erstrebenswert, der Feuerwehr beizutreten?  

Hasler: Es herrscht eine tolle Kameradschaft, es ist technisch interessant und es macht einfach Spaß. Außerdem tut man etwas für die Bevölkerung und engagiert sich ehrenamtlich. Man lernt nicht nur löschen.  

Laut ihrer Homepage stehen unter anderem die „Förderung von gegenseitigem Verständnis, Zivilcourage und demokratische Verhaltensweisen im Vordergrund“. Vor 50 Jahren spielten solche Dinge noch keine große Rolle, oder?  

Hasler: Sich für andere Menschen einzusetzen, ist heute schon ein Kernziel. Zivilcourage und ähnliche Dinge lernt man in so einer Gemeinschaft. Die Feuerwehrtechnik ist zwar wichtig, aber es gibt auch ein Vereinsleben, obwohl wir kein Verein sind.

Uebelin: Ich habe 1977 als Jugendgruppenleiter angefangen und die Zeiten – aber auch die Jugendlichen – haben sich seither stark verändert, ebenso das ganze Drumherum, das Angebot, die Gesellschaft. Ein Problem ist beispielsweise auch die Ganztagsschule. Da wird es schon schwierig, am Abend noch zwei Stunden für einen Verein zu opfern.  

Wie oft treffen sich die Jugendfeuerwehrgruppen in der Regel?
 

Hasler: Überwiegend einmal pro Woche. Dazu kommen Veranstaltungen oder Wettkämpfe an Wochenenden wie beispielsweise die Leistungsspange.  

Was hat es mit der Leistungsspange auf sich?

Uebelin: Die Leistungsspange ist die höchste Auszeichnung, die ein Jugendlicher innerhalb der Deutschen Jugendfeuerwehr erreichen kann.
 
Hasler: Sie wird jedes Jahr bei uns im Landkreis durchgeführt und die Jugendfeuerwehren müssen dabei verschiedene Disziplinen absolvieren – Standard-Löschangriff, Fragen über Feuerwehrtechnik und Allgemeinwissen, ein Staffellauf und Kugelstoßen sowie eine feuerwehrtechnische Schnelligkeitsübung. Die deutsche Jugendfeuerwehr schreibt die Aufgaben vor, damit der Ablauf einheitlich ist. Der Wettbewerb ist eine tolle Veranstaltung, um zu zeigen, was man gelernt hat und um sich mit anderen Jugendlichen zu messen. Für Jüngere gibt es den sogenannten Pokalwettkampf. Außerdem richten wir alle zwei Jahre ein Kreiszeltlager aus. Es findet immer fünf Tage lang ab Beginn der Sommerferien statt. Im vergangenen Jahr waren 450 Teilnehmer dabei. Jede Gruppe hat ihren Zeltplatz und ihr Lagerfeuer. Wir bieten verschiedene Programme an – Hochseilgarten, Workshops, Firmenbesichtigungen und mehr. Außerdem gibt es den Martin-Schepperle-Gedächtnisspiellauf mit Siegerehrung und eine Lagerdisco. Das ist eine tolle Sache und Motivation für die Jugendlichen. Nächstes Jahr sind wir in Steinen-Endenburg, da sind wir schon in der Planung.

Macht es heute eigentlich noch einen Unterschied, ob ein Junge oder ein Mädchen in die Jugendfeuerwehr eintreten möchte?  

Uebelin: Also beim ersten Kreiszeltlager  waren noch keine Mädchen dabei. Anfang der 1980er Jahre hatten wir dann ein oder zwei Mädchen im Landkreis, die sich langsam für das Thema interessiert haben. Das waren aber meistens Töchter von Feuerwehrleuten.  

Hasler: Inzwischen ist das kein Thema mehr. Mädchen und Frauen sind integriert, auch wenn Jungen beziehungsweise Männer bei den Aktiven sicher noch in der Mehrzahl sind.   

Egal ob Mädchen oder Junge, zu richtigen Einsätzen dürfen die Mitglieder der Jugendfeuerwehr noch nicht mit, oder?  

Hasler: Nein, erst mit Erreichen des 18. Lebensjahres und nach erfolgreicher Absolvierung des Grundlehrgangs Truppmann Teil 1 dürfen sie am Einsatzdienst teilnehmen und sind dann aktive Feuerwehrkameraden.  

Und was lernen die Jugendlichen in den Jahren zuvor?   

Uebelin: Früher war es so: 50 Prozent der Ausbildung waren feuerwehrspezifisch und 50 Prozent Jugendarbeit. Also beispielsweise Ausflüge ins Schwimmbad, Zeltlager, Eislaufen oder Fußballturniere.   

Hasler: Der Anteil der Jugendarbeit ist inzwischen eher gewachsen würde ich sagen. Natürlich könnte ich die Jugendlichen jeden Mittwoch mit Feuerwehrtechnik vollpumpen, aber sie sollen auch im aktiven Dienst noch etwas lernen.  

Wie viele der Aktiven entstammen denn heute der eigenen Jugendfeuerwehr?  

Uebelin: In Lörrach sind das aktuell etwa 70 Prozent.  

Gibt es auch Quereinsteiger oder ist das gar nicht möglich?   
Hasler: Soll ich Ihnen gleich einen Anmeldebogen holen (lacht)? Das ist gar kein Problem. Man muss nur einen Gesundheitstest mit Belastungs-EKG bestehen und die gleichen Lehrgänge wie die Jugendlichen absolvieren. Wer von der Jugendfeuerwehr kommt, ist am Anfang sicher etwas geschickter, aber das schafft man trotzdem. Ich bin sogar erstaunt, wie viele Quereinsteiger es in jüngster Zeit hier in Lörrach gegeben hat. Wir haben also nicht den schlechtesten Ruf. Was mich aber schockiert: Viele denken, es wäre eine Berufsfeuerwehr. Dabei gibt es im Landkreis nicht eine einzige Berufsfeuerwehr.
 
Die Feuerwehr basiert auf ehrenamtlicher Arbeit. Nun brennt es aber nicht nur abends und am Wochenende. Als Aktiver muss man auch während der Arbeitszeit auf Abruf sein. Schreckt das Jugendliche davon ab, in den aktiven Dienst zu wechseln oder befürchten sie dadurch vielleicht sogar Nachteile?  

Hasler: Ich hoffe nicht, dass die Mitgliedschaft in der Feuerwehr durch einen Arbeitgeber negativ beurteilt wird. Klar, dieser ist verpflichtet, einen Mitarbeiter zum Einsatz gehen zu lassen. Man muss als Feuerwehrmann aber auch so fair sein und spontan entscheiden – kann ich gehen oder nicht. Da braucht es Fingerspitzengefühl. Ich denke, wir sind da mit den Lohnentschädigungszahlungen ganz gut unterwegs und die Betriebe unterstützen die ehrenamtliche Arbeit auch, sonst würde das nicht mehr funktionieren. Dass viele mittlerweile weite Strecke zu ihrem Arbeitsplatz pendeln, stellt viel eher ein Problem dar.   

Uebelin: Wir sagen unseren Jugendlichen, dass sie sich auf die Ausbildung oder die weiterführende Schulen konzentrieren sollen und nicht, wenn Alarm ist, zur Feuerwehr rennen. Das ist mit den Arbeitgebern so abgesprochen. Wenn sie ausgelernt haben, dürfen sie auch zum Einsatz. Der Beruf geht allerdings immer vor. Viele unserer Aktiven sind Schichtarbeiter und können oft abends nicht zu Übungen und Fortbildungen. Tagsüber benötigen wir aber auch Personal.  
Stehen in Lörrach und im Landkreis trotzdem immer genügend Einsatzkräfte zur Verfügung?  

Uebelin: Wir hier in Lörrach haben keine akuten Personalprobleme. Im Abschnitt Süd (Kernstadt, Stetten, Tüllingen) bekommen wir tagsüber einen Löschzug mit 25 bis 30 Personen zusammen. Der Abschnitt Nord (Haagen, Hauingen, Brombach) erreicht meist auch 20 bis 25 Aktive. Für die Erstphase sind wir schon genug, ansonsten müssen wir die Nachbarstadt Weil am Rhein alarmieren und uns gegenseitig helfen.  In den ländlichen Gemeinden des Landkreises sieht es anders aus. Am Wochenende und nachts ist die Abdeckung besser, aber tagsüber ist das wirklich ein Problem. Viele arbeiten inzwischen auswärts und im Ort sind dann vielleicht noch fünf oder sechs Personen, die den Brandschutz aufrecht erhalten sollten. Das ist schwierig. Wenn also beispielsweise in Wittlingen ein Einsatz ist, kommen darum inzwischen die Kollegen aus Rümmingen, Binzen und Schallbach dazu. Die Feuerwehren arbeiten  zusammen und helfen sich gegenseitig.


Jubiläumsprogramm & Historie

Am heutigen Samstag stellt sich die Kreisjugendfeuerwehr Lörrach von 10 bis 16 Uhr der Bevölkerung auf dem Alten Marktplatz in Lörrach vor. An zahlreichen Stationen gibt es Versuche und Demonstrationen zu den Themen „Feuer“ und „Feuerwehr“. Dazu ist auch das Experimentarium der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg vor Ort. Es wird ein Rauchhaus aufgebaut, Notrufe werden simuliert und vieles mehr.

Für Bewirtung ist ebenfalls gesorgt. Nach einem Festakt um 10.15 Uhr folgt um 11.30 Uhr die offizielle Übergabe der neuen Drehleiter der Feuerwehr Lörrach mit Segnung des Fahrzeugs. Unterstützt wird die Kreisjugendfeuerwehr Lörrach dabei von den Jugendfeuerwehren aus Kandern, Steinen und Lörrach.

Bereits am vergangenen Samstag hatte sich die Kreisjugendfeuerwehr in Höllstein präsentiert (wir berichteten). Die Leistungsprüfungen zum Abzeichen „Jugendflamme“ sowie eine Schauübung der Steinener Jugendgruppen bewiesen den hervorragenden Ausbildungsstand. Am Sonntag, 21. Oktober, ist die Kreisjugendfeuerwehr ab 10 Uhr in Kandern am Feuerwehrgerätehaus präsent. 


Mehr Informationen unter www.kfv-loerrach.de

Die Kreisjugendfeuerwarte von 1968 bis heute

Fotostrecke 7 Fotos
  • Peter Nicklas (1968 - 1978)
  • Hildolf Schwald (1978 - 1982)
  • Martin Schepperle (1982 - 1990)
  • Gerd Sutter (1991 - 1992) 
  • Uwe Horschig (1992 - 1998)
  • Hans-Frieder Uebelin (1998 -2008)
  • Peter Schelshorn (2008 - 2013)
  • Sven Herfort (2013 - 2016)
  • Markus Hasler (seit 2016)
 
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