Lörrach Grund zur Zuversicht – trotz allem

Die Lörracher Innenstadt - so schön wie Bozen? Foto: Kristoff Meller

Lörrach  - Wie stellt sich die aktuelle Situation des Lörracher Einzelhandels dar? Welche Perspektiven hat er? Darüber diskutierten am Dienstagmorgen die Bundestagsabgeordneten Armin Schuster (CDU) und Gerhard Zickenheiner (Grüne) sowie die Landtagsabgeordneten Josha Frey (Grüne) und Rainer Stickelberger (SPD) mit dem Pro Lörrach-Vorsitzenden Hans-Werner Breuer und Oberbürgermeister Jörg Lutz, der das Online-Gespräch moderierte.

„Wir würden gerne von den Mitgliedern des Bundes- und des Landtags erfahren, welche Wege aus der Krise führen können und wie Handlungskonzepte für die nähere Zukunft aussehen“, schreibt Pro Lörrach im Einladungstext an die Gesprächsteilnehmer.

Nun ja – klar ist: Das eine, verlässlich wirksame Rezept zur Genesung des Handels gibt es nicht. Der Gang der Dinge hängt von harten Fakten ebenso ab wie von weichen Faktoren. Dass der „Lockdown“ der vergangenen Monate, so Lutz, „einmalig in der Geschichte der Nachkriegszeit war“ und für manch einen Einzelhändler existenzgefährdende Konsequenzen nach sich zog, stellte niemand in Abrede.

Aber: Obgleich die Entwicklung der kommenden Monate mit etlichen Fragezeichen behaftet ist – kommt die zweite Corona-Welle? Wie werden sich die Kunden verhalten? – gebe es auch Anlass zu Optimismus.

Über die Qualität der Lörracher Innenstadt waren sich die Teilnehmer im Grundsatz ebenso einig wie über den gegenwärtigen Ernst der Lage für den Einzelhandel – im Detail allerdings wurden einige von der Politik getroffenen Maßnahmen ebenso unterschiedlich beurteilt wie die Frage nach dem richtigen Maß weiterer Lockerungen.

Wettbewerb mit Online-Handel verschärft sich

Die Herausforderungen für den stationären Einzelhandel stellten sich im Wettbewerb mit dem Internet-Handel nach dem Lockdown in verstärktem Maß, sagte Frey. Einzelhändler müssten sich noch gezielter mit der Frage auseinandersetzen, wie sie etwa durch dasEinkaufserlebnis oder die Beratungsqualität „einen Mehrwert“ herstellen können, der Kunden in die Geschäfte bringt.

Gleichzeitig, so Stickelberger, fragten sich immer mehr Leute als Folge der Corona-Zwangspause: „Was brauche ich wirklich?“. Dennoch zeigte sich der Sozialdemokrat für eine Normalisierung des Einkaufsverhaltens zuversichtlich. In diesem Prozess sollten die berechtigten Interessen des Handels indes nicht gegen die derzeit gültige Maskenpflicht ausgespielt werden, sagte Zickenheiner. Deutschland agiere im Umgang mit der Corona-Krise erfolgreich. Die Mehrheit der Experten sei sich einig: „Masken retten Leben“. Es gelte nun, sich bis auf Weiteres damit zu arrangieren.

Schuster: Masken schaffen Sicherheit

Auch Schuster verteidigte die Maskenpflicht. Der hierzulande eingeschlagene Weg sorge „für mehr Sicherheits- und Freiheitsgefühl“. Der Verzicht auf Masken verunsichere die Bürger dagegen erheblich mehr – und halte sie letztlich eher von Innenstadtbesuchen ab als eine Maskenpflicht beim Betreten eines Geschäfts.

Mit Blick auf die von Pro Lörrach als recht aufwendig, aber wenig effektiv bezeichnete Mehrwertsteuersenkung sagte der Christdemokrat Richtung Breuer: Es gebe keinen Handelsverband, der in den Vorgesprächen die Politik nicht dazu ermutigt habe, diese umzusetzen: „Das Votum war eindeutig.“ Zudem sei der Aufwand überschaubar, Umetikettierungen seien nicht notwendig. Zwar werde die Maßnahme in manchen Branchen mehr, in anderen weniger zu spüren sein – auf’s Ganze besehen aber werde die Mehrwertsteuersenkung eine positive Wirkung entfalten, auch im Vergleich zum Aufwand des Handels.

Die ein bis zwei zusätzlichen verkaufsoffenen Sonntage, die von Stickelberger zur Stabilisierung des Handels ins Gespräch gebracht wurden, sahen Zickenheiner und Frey eher kritisch. Den Gedanken eines solchen zusätzlichen Sonntags, etwa in der Adventszeit, griff Breuer auf. In seiner Beschreibung der gegenwärtigen Lage betonte er jedoch, dass der hiesige Handel nur mit der gemeinsamen Kaufkraft von deutschen und Schweizer Kunden funktionieren könne. Gerade Letztere seien bereits auf einen Einkauf ohne Maske eingestellt. Durch die Gesichtsausdrücke verhüllenden Masken fehle eine wichtige emotionale Komponente im Handel. Die Maskenpflicht müsse schnellstmöglich entfallen.

Noch immer sei die aktuelle Kunden-Frequenz nicht mit den Zeiten vor Corona vergleichbar. Er gehe zudem davon aus, dass das Herbstfest von Pro Lörrach nicht stattfinden kann – auch für den Weihnachtsmarkt sei er eher skeptisch, sagte Breuer.

Debatte über den Umgang mit Kunden

Zu der von Stickelberger angesprochenen Debatte über die Frage, ob deutsche Kunden im Vergleich zu Kunden aus der Schweiz mitunter „etwas zu kurz kommen – deshalb wäre das ein oder andere Signal an die hiesige Kundschaft wichtig“, positionierte sich Breuer klar: Eine Bevorzugung von eidgenössischen Kunden sei „definitiv nicht der Fall“. Darauf werde bei Pro Lörrach auch intern immer wieder hingewiesen. Lutz unterstützte diese Aussage.

Als Ursache für das Klischee, Schweizer würden gelegentlich besser behandelt als Deutsche, vermute er, so Breuer, vielmehr den Neid einiger deutscher Kunden auf die Mehrwertsteuerrückerstattung, in deren Genuss die Schweizer nach einem Einkauf kommen.

Handel und Politik gleichermaßen gefordert

Etwas mehr Selbstbewusstsein auf deutscher Seite empfahl Zickenheiner: Er zweifle nicht an einer Gleichbehandlung der Kunden, indes vermittle etwa eine Schweizer Beflaggung der Lörracher Innenstadt samt Alphornbläser-Ensemble am 1. August doch den Eindruck „einer Sonderwertschätzung“ der Schweizer. Auch in dieser Hinsicht könne der hiesige Einzelhandel über Gleichbehandlung nachdenken. Frey sagte, Schweizer Kunden seien eine Ergänzung innerhalb der Gesamtkundschaft, auf der sich der hiesige Handel nicht ausruhen dürfe.

Schuster, der das Gespräch aus terminlichen Gründen zu diesem späten Zeitpunkt bereits verlassen hatte, zeigte sich zuvor bei allen Unwägbarkeiten zuversichtlich: Es deute sich an, dass Deutschland die aktuellen Herausforderungen in etwa so meistern könne wie nach der Finanzkrise 2008/2009. Schon jetzt werde in Berlin an Überlegungen gearbeitet, wie die nun aufgenommenen Schulden wieder zurückgezahlt werden können, sobald es wieder aufwärts geht.

Das Land habe die Situation in den Griff bekommen. Sonst, so Schuster, wäre die Lage „viel schlimmer“.

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