Lörrach "Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt"

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Er machte vor acht Jahren am Hans-Thoma-Gymnasium Abitur, vollzog seine ersten Schritte als Jungforscher am Schülerforschungszentrum „phaenovum“ und erzielte zahlreiche nationale und internationale Preise. Er studierte Informatik in Basel und Zürich. Jetzt hat der 25-jährige Lörracher Marcel Neidinger in einem britischen Verlag ein Informatik-Fachbuch veröffentlicht.

Wir sprachen mit dem Autor darüber und über seine schulische Vergangenheit in Lörrach.

Frage: Sie haben im Alter von 25 Jahren ein Buch mit dem Titel „Python“ geschrieben. Pythons sind Riesenschlangen. Hat das Buch damit etwas zu tun?

Auch wenn die Namensähnlichkeit besteht, nein. „python“ ist nicht nur eine Riesenschlange, sondern auch eine Programmiersprache für Computer.

Frage: Es handelt sich also um ein IT-Fachbuch. Worum geht es in dem Buch?

Es geht um die Automatisierung der Verwaltung von Computernetzwerken. Für viele ist das Internet heute etwas vollkommen Selbstverständliches geworden und sowohl daheim als auch auf der Arbeit greifen wir darauf zu, ohne nachzudenken, was im Hintergrund passiert.

Im Hintergrund passiert jedoch komplexe Netzwerktechnik, die dafür sorgt, dass Computer, Smartphones oder inzwischen sogar Kühlschränke innerhalb von Bruchteilen von Sekunden miteinander kommunizieren können.

Je größer diese Netzwerke werden, desto komplexer wird ihre Verwaltung. Das „Netzwerk“ besteht nicht nur aus LAN-Kabeln oder einem Router. Moderne Netzwerke, etwa in Firmen oder bei großen Events, bestehen aus hunderten oder tausenden solcher Geräte, die alle konfiguriert werden müssen.

Ab einer gewissen Größe lässt sich das nicht mehr manuell machen. Hier kommt Netzwerkautomatisierung ins Spiel, womit sich das Buch beschäftigt.

Auf diese Weise erhöht sich nicht nur die Geschwindigkeit, mit der Änderungen vorgenommen werden können. Auch die Wahrscheinlichkeit menschlicher Fehler wird verringert. Für die Automatisierung ist eine Programmiersprache erforderlich. Im Buch wird dazu ‚python‘ verwendet.

Frage: Können Sie Beispiele nennen, was passiert, wenn es Probleme in Netzwerken gibt?

Was passiert, wenn das Netzwerk einmal nicht mehr funktioniert, hat Facebook im Oktober vergangenen Jahres erlebt. Dass Facebook und alle angeschlossenen Dienste wie WhatsApp und Instagram am 4. Oktober für etwa fünf Stunden nicht erreichbar waren, lag an einer fehlerhaften Netzwerkkonfiguration. Dadurch wurden Facebooks Datenzentren weltweit vom Internet abgekapselt.

Frage: Ihr Buch ist also ein Werk für IT-Experten. Für wen genau ist dieses Buch interessant?

‚Python‘ wendet sich vorrangig an Netzwerkadministratoren, die ihre Netzwerke automatisieren wollen, oder Softwareentwickler, die in die Welt der Netzwerkautomatisierung einsteigen wollen.

Frage: In welchem Verlag ist das Buch erschienen?

Erschienen ist das 340 Seiten starke Buch bei ‚packt publishing‘. Das ist ein britischer Fachverlag für IT-Themen.

Frage: Wie kann man sich die Entstehung eines solchen Werkes vorstellen?

Zu Beginn einigt man sich mit dem Verlag auf eine grobe Struktur. In meinem Beispiel erklärt jedes Kapitel ein anderes Konzept der Netzwerkautomatisierung. Wenn die Struktur und die Kapitelübersicht vom Verlag angenommen wurde, beginnt das Schreiben. Jedes Kapitel wird an den Editor von ‚packt‘ geschickt. Dieser macht erste Korrekturanmerkungen. Wenn die Verbesserungen eingearbeitet sind, geht der zweite Entwurf an Experten, die überprüfen, ob die vorgeschlagenen Lösungen und Erklärungen technisch in Ordnung sind. Schließlich erfolgt das Layout mit einem Pre-Print, das so aussieht wie die Buchseite später. Man arbeitet allerdings zeitgleich an mehreren Kapiteln. Man kann sich die Entstehung also mit unzähligen E-Mails und vielen langen Nächten vorstellen.

Frage: Das Buch ist in englischer Sprache verfasst. War das ein Problem für Sie?

Nein. Ich rede in meinem Arbeitsalltag nahezu ausschließlich Englisch. Meist fehlen mir inzwischen eher im Deutschen Worte. Die IT-Branche und ihr Wortschatz an Fachwörtern ist allgemein sehr von der englischen Sprache dominiert. Unterhält man sich auf deutsch über IT-Themen, dann ist die Hälfte der Wörter ohnehin Englisch.

Frage: Gibt es Übersetzungen?

Nein. Die meiste Fachliteratur in der IT-Branche ist in Englisch. Das einzige deutschsprachige IT-Lehrbuch, das ich je gelesen habe, war im ersten Semester meines Informatikstudiums. Danach war eigentlich alles immer englisch.

Frage: Die digitale Welt ist sehr schnelllebig. Wie lange ist ein solches Buch aktuell?

Die digitale Welt ist sehr schnelllebig, weil sich die Implementierungen sehr schnell ändern können. Die Konzepte bleiben aber meistens länger erhalten.

Man kann das etwa mit Autofahren vergleichen. Hat man einmal das Konzept des Autofahrens verstanden, kann man nicht nur das Fahrschulauto, sondern auch andere Autos fahren. Sicher ist es eine Umgewöhnung, wenn man vom Kleinwagen (die Implementierung in diesem Beispiel) auf den Elektrosportwagen (eine andere Implementierung) umsteigt, aber das Konzept bleibt das gleiche.

Das Buch vermittelt Konzepte und zeigt diese anhand von spezifischen Implementierungen auf. Die spezifischen Implementierungen könnten in einigen Jahren veraltet sein. Die Konzepte sollten uns aber noch längere Zeit erhalten bleiben.

Frage: Sie haben vor acht Jahren am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach Abitur gemacht und danach Informatik studiert. Wo arbeiten Sie heute?

Ich bin Software Solutions Engineer bei Cisco Systems. Cisco ist ein US IT Unternehmen, das Netzwerk und Servertechnik, aber auch Sicherheits- und Kollaborationslösungen herstellt. Bei Cisco sind weltweit 77 500 Mitarbeiter (Stand 2020) tätig.

Frage: Mit welchen Schwerpunkt-Themen befassen Sie sich derzeit beruflich?

Als Pre-Sales Engineer arbeite ich beispielsweise mit Kunden in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika an Lösungen in allen Aspekten der Programmierbarkeit. Mein Schwerpunkt liegt dabei, wie bereits gesagt, auf der Netzwerkautomatisierung.

Frage: Ihre ersten wissenschaftlichen Schritte haben Sie am Schülerforschungszentrum „phaenovum“ in Lörrach gemacht. War das ‚phaenovum‘ für Ihre Karriere hilfreich?

Ich war Projektschüler am ‚phaenovum‘, habe also in einem kleinen Team an wissenschaftlichen Projekten gearbeitet und diese dann an Wettbewerben vorgestellt. Davon mitgenommen habe ich einiges, aber zwei Punkte stechen besonders hervor.

Zum einen ist da das freie Arbeiten im Team. Probleme in der realen Welt sind selten allein oder auf einem festgeschriebenen Weg, den Lehrer kennen und im Zweifel Tipps geben können, lösbar. Man muss zusammenarbeiten, Dinge ausprobieren, Literatur nachschlagen oder schauen, wie andere ein Problem gelöst haben. Projekte am ‚phaenovum‘ waren genau das für mich – die Möglichkeit, frei an Problemen zu arbeiten.

Der zweite Punkt ist das Präsentieren. Auch wenn ich eine technische Rolle mit ‚Ingenieur‘ im Titel und einen Abschluss in dem MINT-Fach Informatik habe, verbringe ich doch einen beachtlichen Teil meiner Zeit damit, Sachverhalte, Produkte oder Lösungsansätze vor Kunden, Partnern, auf Fachkonferenzen oder auch nur intern zu präsentieren.

Die Fähigkeit, technische Sachverhalte verständlich, interessant, bündig und idealerweise unterhaltend darstellen zu können, ist meiner Ansicht nach eine Art Superpower in fast jedem Beruf. Wenn man mit 17 Jahren vor Professoren beim „Jugend forscht“-Bundeswettbewerb oder bei internationalen Wettbewerben präsentiert und anschließend von denen ausgefragt wird, verliert man recht schnell die „Angst“ davor, vor eine Menschenmenge zu treten und zu präsentieren.

Frage: Welche Erinnerungen haben Sie ans „phaenovum“?

Viele gute Erinnerungen. Mein Freundeskreis, mit dem ich heute noch eng verbunden bin, war ebenfalls am ‚phaenovum‘ tätig. Das Ganze war weniger eine außerschulische Aktivität, zu der man drei Stunden die Woche hingeht, sondern mehr ein ‚Club‘, zu dem man geht. Klar, wir haben oft bis spät in die Nacht an unseren Projekten gearbeitet, aber wirklich wie Arbeit angefühlt hat sich das nie.

Frage: Was würden Sie an Informatik interessierten Schülern rückblickend empfehlen?

Probiert was aus. Das Großartige am Programmieren ist, dass man außer einem Computer nicht viel braucht, um anzufangen. Programmieren lernen kann man mit kostenlosen Onlinekursen, Büchern oder Tutorials. Das habe ich auch so gemacht.

Programmieren und Programmieren lernen kann frustrierend sein, wenn etwas nicht so funktioniert, wie man es haben will, oder wenn man einen Fehler suchen muss. Über diese Hürde muss man hinwegkommen. Hat man die Basics aber mal drauf, dann sind der eigenen Kreativität nur wenige Grenzen gesetzt.

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