Von Nina Ricca

Lörrach. In der Abendsonne vor dem Gemeindehaus der Kirche St. Peter in Lörrach sitzt ein freundlicher Obdachloser mit Hund. Ein Schild sagt „Wir haben Hunger“, und in einem Hut liegen ein paar Münzen.

Genau darum, um das Leben „auf der Platte“, geht es ein paar Schritte weiter im Gebäude bei der Autorenlesung der Biografie „Kein Dach über dem Leben“ von Richard Brox. Etwa 50 Zuhörer haben am Mittwochabend der bewegenden Geschichte des seit 30 Jahren wohnungslosen Bestsellerautors zugehört.

Veranstalterin Gudrun Schemel, Geschäftsführerin der Caritas freut sich über den vollen Gemeinderaum. „Das Buch ist eine Geschichte des Mutes und der Solidarität.“, sagt sie in ihrer Eröffnungsrede.

Brox wurde 1986 als 21-Jähriger aus der elterlichen Wohnung geräumt, nachdem seine Eltern verstorben waren. „Dass ich in dieser Stunde in einen 30-jährigen Krieg auf der Straße gestoßen wurde, war mir bis dahin nicht klar.“, liest er aus seiner Biografie vor, die in den vergangenen sechs Monaten fast 35 000mal verkauft wurde und jetzt verfilmt werden soll.

„Es gibt auf der Straße nicht wirklich Freunde“

In der Lesung stellt er Teile des ersten Kapitels vor, das den Auftakt zu seinem Leben auf der Straße wiedergibt. Auf die zahlreichen Fragen der Zuhörer erzählt er von seiner Kindheit in Heimen, von Missbrauch und Gewalt von Seiten der Heimarbeiter, von seiner erst 1989 erfolgreich bekämpften Kokain- und Alkoholsucht und seiner Suche nach Hilfe von allen möglichen Stellen.

„Meine Eltern waren beide KZ-Überlebende“, erklärt Brox. „Sie haben ihr Bestes gegeben, aber sie waren schwer traumatisiert und konnten keine gesunde Familie aufbauen.“

Nach 28 Jahren auf der Straße trifft Brox 2008 auf den Journalisten Günter Wallraff und dreht mit ihm die Reportage „Unter Null – Obdachlos durch den Winter“. Wallraff wird ein Freund und häufiger Schachgegner und ermutigt ihn schließlich, seine Geschichte aufzuschreiben. Seit 2016 kommentiert Brox zudem in einem Blog deutschlandweit Einrichtungen für Wohnungslose und lobt dabei den südbadischen Raum und Lörrach.

„Begegnen Sie Obdachlosen auf Augenhöhe“

„Mein Buch ist dem Berber Ralf Scheuermann gewidmet. Es gibt auf der Straße nicht wirklich Freunde, aber wir waren wie Brüder, die wir beide nicht hatten. Er ist am 30. Juni 2017 verstorben.“

Sämtliche Erlöse aus dem Buchverkauf werden in Scheuermanns letzten Wunsch investiert: eine Hospizunterkunft mit stationärer Betreuung für Obdachlose.

Richard Brox ist trotz hartem Leben und plötzlichem Ruhm ein freundlicher, offener Mensch, der immer noch als Wohnungsloser im Raum Köln lebt und für Respekt und Zivilcourage wirbt. „Wenn wir nicht aufpassen und dem schlechten Gerede anderer gleich Einhalt gebieten, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn extreme Parteien groß werden“, appelliert er an die Zuhörer.

Sein Wunsch: „Begegnen Sie Obdachlosen auf Augenhöhe, sie sind Menschen mit allen Vor- und Nachteilen, die Menschen nun mal so haben.“