Lörrach Kein Totschweigen von Tabus

Claudia Gabler und ihr Gast Noam Brusilovsky Foto: Die Oberbadische

Lörrach (cg). Am 14. Mai 1948 proklamierte Ben Gurion den Staat Israel. Das 70-jährige Bestehen des jungen Staates war für den SWR Anlass, eine Hörspielserie zum Thema in Auftrag zu geben. Die Lörracher Volkshochschule stellte die so entstandene Produktion „We love Israel“ jetzt im Rahmen ihrer Hörspielreihe „Mit den Ohren sieht man besser“ in einem „Pre Listening“ in der Bar Drei König vor. Die siebenteilige Serie ist als Podcast angelegt und wird ab 17. Mai bei SWR2 und im Internet zu hören sein. Gast in Lörrach war der junge israelische Regisseur Noam Brusilovsky, einer der beiden beauftragten Autoren der Produktion.

70 Jahre Israel – ein Grund zu feiern? Oder Anlass zum traurigen Blick auf die menschlichen und kriegerischen Abgründe des so genannten Nahost-Konflikts, auf Rechtsruck und neuen Antisemitismus? Bei der Party mitfeiern könne man nur, wenn man sie mit Humor angehe, so Brusilovsky, der seit 2012 in Berlin lebt und dort sein Studium der Schauspielregie abgeschlossen hat. So sieht es auch der Hörspiel-Chefdramaturg des SWR, Manfred Hess, der Brusilovsky und den israelischen und ebenfalls in Berlin lebenden Journalisten Ofer Waldman mit dem Serial beauftragt hat.

Der Weg nun führte Brusilovsky und Waldman von Berlin in ihr Heimatland. In einer siebentägigen Reise, die sie im Hörspiel dokumentieren, treffen sie auf deutsche Touristen, die aus historischer Verpflichtung oder einfach zum Feiern in der Metropole Tel Aviv reisen. Auf herrisches Flughafen-Security-Personal und auf Schweizer Schwule, die nach Israel reisen, weil die Jungs dort bessere Bodies haben als die in der Heimat. Es ist nicht alles Geschichte, nicht alles Politik, nicht immer der Gedanke an die möglichen Nazi-Großväter, wenn der Deutsche nach Israel reist. Doch Geschichts- und Unrechtsbewusstsein fordern dies ein, das heilige Land und der über die Jahrhunderte geschundene Jude sollen geliebt werden. So die Thesen, mit denen die intelligente und moderne Produktion auf ebenso abgedrehte wie unsentimentale Weise spielt.

Doch was ist das für eine Liebe, die da eventuell herrscht, und von wem geht sie aus, fragen die Autoren – mal mehr und mal weniger ernsthaft. Von gläubigen Christen? Von Antideutschen? Von Pegida-Anhängern? Oder von Schwulen? Die Reise der beiden Israelis und ihre Interviews bilden das Stimmenfundament für die Serie, die die Aussagen der Beteiligten, ihre Erwartungen und ihre Verstrickungen in die Geschichte oder ihre sexuellen Bedürfnisse in einen Kabarett-Abend münden lässt, der komplett gaga und überdreht ist. Manchem mag das zu viel sein, zu laut und zu anstrengend. Doch verstörender als die Wirklichkeit sei ihre Produktion nicht – die sei wesentlich radikaler, so der gebürtige Israeli im Gespräch mit der Kuratorin der Reihe, Claudia Gabler.

Brusilovsky ließ das Lörracher Publikum entscheiden, welche drei der insgesamt sieben Folgen, die jeweils zwischen 15 und 20 Minuten lang sind, gespielt werden. In der gut besuchten Bar stellte er das Serial erstmals vor Publikum vor; er sei dementsprechend aufgeregt und gleichzeitig gespannt auf die Reaktionen. Dass es für die Produktion, die ebenso offen und humorvoll mit dem Holocaust wie mit schwuler Sexualität umgeht, nicht nur Applaus gebe, sei ihm bewusst. Doch seien diese Tabuthemen Teil unserer Realität und müssten ans Licht geholt werden. Das Totschweigen, sagt Brusilovsky, sei eine schlechte Alternative.  Nächste VHS-Hörspielreihe: 17. Juni mit dem Autor und Regisseur Josef Maria Schäfers mit seiner Produktion „Lissy“ über eine Polizeianwärterin in der ostdeutschen Provinz.

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