Lörrach Klänge aus einer anderen Welt

Die Oberbadische
Frank London Foto: Adrian Buckmaster

Lörrach  - In Venedig entstand vor rund 500 Jahren das erste jüdische Ghetto. Hinter Mauern und Toren, die die Juden gleichermaßen einsperrten wie schützten, entstand eine einzigartige Musikkultur. Der in New York lebende Klezmermusiker Frank London ist tief in diese alte Welt eingetaucht und nimmt sie als Ausgangspunkt für ein abwechslungsreiches Programm, das am 8. Juli bei Stimmen im Burghof Lörrach zu hören ist.

Frank Londons für das Elbphilharmonie-Festival Venedig im April 2019 konzipiertes Programm „Ghetto Songs“ kombiniert Musik aus mehreren Jahrhunderten und ganz unterschiedlichen musikalischen Stilrichtungen. Neben jüdischen Ghettos führt sie die Zuhörer auch in die brasilianischen Favelas und Townships in Südafrika. Mehr Details zum Programm verriet London unserer Mitarbeiterin Beatrice Ehrlich im Interview.

Frage: Zuallererst: Was bedeutet es für Sie, wieder auf der Bühne zu stehen? Haben Sie das in den letzten Monaten vermisst?

Es ist wunderbar. Auf der Bühne zu stehen, die Kommunikation mit dem Publikum, der Austausch innerhalb des Ensembles – für uns Musiker ist das Lebenselixier und Inspiration zugleich.

Frage: Was haben die Lieder gemeinsam, die sie für Ihr Programm Frank London’s Ghetto Songs zusammengestellt haben?

Nun, die meisten dieser Songs entspringen einer ganz konkreten Ghetto-Erfahrung, andere beschreiben das Leben im Ghetto aus der Außensicht, und bei einigen ist es eine Mischung aus beidem.

Frage: Wie sind Sie auf die rund 500 Jahre alten Lieder aus dem Ghetto von Venedig gestoßen? Haben Sie manche davon schon einmal gespielt?

Das Suchen nach solchen musikalischen Schätzen macht mindestens genau so viel Spaß wie das Musizieren selbst. Dafür haben wir keine Mühen gescheut. Die Lieder waren tatsächlich neu für uns alle.

Frage: Eine besondere Entdeckung ist Sara Coppia Sullam, eine jüdische, venezianische Dichterin aus dem 17. Jahrhundert. Wie sind Sie auf diese Dichterin und ihr Werk gestoßen?

Bei meinen Nachforschungen über das Ghetto von Venedig und die berühmten Personen, die damit im Zusammenhang stehen, etwa Sara Coppia Sullam oder Leone da Modena, wurde ich ganz wesentlich von Shaul Bassi und seinen Studenten am Hebräischen Zentrum Beit Venezia unterstützt.

Frage: Im Begriff des Ghettos schwingt immer die Ausgrenzung und die Trennung seiner Bewohner vom Rest der Stadtgesellschaft mit. Gleichzeitig waren die Juden innerhalb des Ghettos historisch oft auch vor Anfeindungen geschützt. So oder so stehen die Ghettomauern für etwas Geschlossenes. Wie können wir das in Ihrem Konzert hören?

Das ist ja das Paradox! Denn obwohl Ghettos hermetisch geschlossen sind, ist der Charakter der Musik, die dort entsteht und nach außen dringt, so offen. Die unbezwingbare Kraft des menschlichen Geistes durchbricht alle Einschränkungen und sogar die Unterdrückung.

Frage: Wie passt Ihr Instrument, die Trompete, zu dieser Art von Musik?

Jeder von uns bringt sein Instrument auf besondere Weise zum Singen, einschließlich ich als Trompeter.

Frage: Welche Instrumente werden wir außerdem hören?

Neben den fantastischen Stimmen und der Trompete werden Cello, Bass, Gitarre, Akkordeon, Klavier und Percussion zu hören sein.

Frage: Wo wir gerade bei den Musikern sind, die Sie bei dieser Tournee begleiten. Warum sind sie in Ihrem Ensemble? Was zeichnet sie aus?

Das sind alles unglaublich gute Musiker. Wirklich Weltklasse. Das besondere an ihnen ist, dass sie so vielseitig sind. Sei es eine Motette aus dem 16. Jahrhundert oder Funk aus dem 20., religiöse oder säkulare Musik, notierte oder improvisierte Stücke: Um in der Lage zu sein, all diese Genres und Stile zu beherrschen, muss man ungeheuer talentiert und erfahren sein. Genau dies – herausragendes Talent und jahrelange Erfahrung – bringen alle Musiker im meinem Ghetto Songs Ensemble mit.

Darüber hinaus setzen sie eigene Akzente. Jeder hat seine ganz einzigartige, ausdrucksvolle Stimme. Wir haben das große Glück, drei der herausragendsten Sängerinnen und Sänger in unserem Ensemble zu haben, Sveta Kundish, Karim Sulayman und Brandon Ross, und darüber hinaus eine Reihe meisterhafter Musiker: Greg Cohen am Bass, Julia Bilat am Violoncello, Zeno de Rossi am Schlagzeug, Ilya Shneyveys am Keyboard und ich an der Trompete. 

Stimmen-Festival: „Frank London’s Ghetto Songs“, Donnerstag, 8. Juli, 20 Uhr, Burghof, weitere Infos: www.stimmen.com

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