Lörrach Kraftstrotzende kafkaeske Erzählkunst

Die Oberbadische, 03.11.2017 18:34 Uhr

Von Walter Bronner

Lörrach. Die inflationäre Vielfalt, die in Lörrachs Kulturleben vorherrscht, nötigt die Konsumenten des opulenten Angebots zwangsläufig zu selektivem Vorgehen. Zu spüren bekam das jetzt der Hebelbund, dessen sonst recht gut besuchte Autorenlesungen für einmal nur magere Publikumsresonanz verzeichnete.

Denn am Donnerstagabend blieb mehr als die Hälfte der im Hebelsaal des Dreiländermuseums aufgestellten Stühle unbesetzt. Und das ausgerechnet bei der von langer Hand vorbereiteten Begegnung mit dem aktuellen Träger des Hebelpreises, dem Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss.

Dass diesem die zweithöchste Literaturauszeichnung des Landes verdientermaßen zuerkannt wurde, mochte wohl niemand mehr anzweifeln, der hier für eine Stunde die kraft- und saftstrotzende Erzählkunst des lesenden Gastes genießen durfte. Angekündigt war die Vorstellung des neuen Bärfuss-Romans „Hagard“, dessen finale „Botschaft an das Universum“ bereits eingangs von Hebelbundpräsident Volker Habermeieer zitiert wurde mit dem Hinweis, dass der Preisträger Wiederholungen verabscheut.

Und weil dem so ist, las Lukas Bärfuss das angeblich noch nirgendwo vorgetragene Schlusskapitel seines neuen Romans, das jedoch die eigentliche Romanhandlung nicht auf den Punkt bringt, sondern in eine eher vielschichtige kafkaeske Schilderung ausartet. Kunterbunt werden da fragwürdige gesellschaftliche Befindlichkeiten gemixt mit triebgesteuertem Verhalten randständiger Figuren, die sich vollsaufen und rumhuren oder sich, um nicht mehr sprechen zu müssen, in die Einsamkeit einer hochgelegenen Alm verkriechen.

Fragmentarische Verweise auf aktuelles Zeitgeschehen, von Terroranschlägen bis zur Besetzung der Krim, ergänzen diese Mixtur. Dass da gegen Ende der Lesung noch der Name Philip fiel, ermöglichte Kennern des Buches – der Schreiber dieser Zeilen gehört nicht dazu, noch nicht! – das wirre, aber ungemein spannend formulierte Geschehen in Zusammenhang mit dem eigentlichen Romangeschehen zu bringen.

Laut Klappentext geht es da um einen Immobiliendealer, der aus einem obsessivem Wahn heraus eine Frau verfolgt, ohne ihr je zu nahe zu kommen, dafür nach und nach selbst total verwildert. Was Bärfuss in Lörrach las, war quasi ein Extrakt der Nebenhandlungen, mit denen er das Romangeschehen anfüttert – und damit sein Auditorium gleichermaßen faszinierte und verstörte, vor allem aber auf die Lektüre des ganzen Romans begierig machte.