Lörrach „Maiskchchölbli“ und Bonzensofas

Spannung: Nick Salsflausen stellt die drei Finalisten Teresa, Marco und Khaaro vor (v.l.) Auf dem Sofa v.l. Bernhard, Lara und Florian Foto: Dorothee Philipp Foto: Die Oberbadische

Eine knallharte Abrechnung mit der Oma, die unbedingt Urenkel will, zwei Schweizer Buben im Klamottenladen, Werbung, die von morgens bis abends Augen und Ohren traktiert: zwei Poetinnen und ein Poet hatten es beim jüngsten Burghof-Slam in die Endrunde geschafft und diese drei Geschichten dafür vorbereitet. Das Publikum entschied sich mit einem frenetischen 10-Punkte-Applaus für die Schweizer. Damit durfte Marco Gurtner aus Thun die Trophäe mit nach Hause nehmen.

Dorothee Philipp

Lörrach. Schon ein paar Kilometer weiter nördlich hätte ihn wahrscheinlich keiner mehr verstanden, das Lörracher Publikum hatte aber ausdrücklich darauf beharrt, seine Beiträge in der Original Berner Sprache zu hören. Dieser Rhythmus, dieser Sound! Und dabei hatte Marco eine deutsche Übersetzung vorbereitet. Der Slam war ein Riesenspaß für alle Beteiligten, zumal es dem Burghof-Team gelungen war, wieder die „Crème de la Crème“ der deutschen Slammer-Szene einzuladen.

Einer der besten, Nick Salsflausen, unter einst bürgerlichem Namen in Lörrach geboren, punktet als Moderator mit Witz und Schlagfertigkeit und bleibt dem Publikum damit den ganzen Abend lang erhalten. Mit ansteckender Begeisterung stellt er die Kontrahentinnen und Kontrahenten vor. Lauter Stars! Schon seine Erklärung der Spielregeln beim Poetry-Slam für Neueinsteiger bringt das Publikum auf Touren. Sechs Duelle und die drei jeweils Überlegenen dann im Finale. Dass er selbst als Slammer sein Licht nicht unter den Scheffel stellen muss, zeigt er mit einem „Warmwerdetext“ für die Endausscheidung: In einem nächtlich verlassenen Getränkemarkt streiten die Flaschen um die einzig wahre Braukunst, bis der Alte aus Weihenstephan dem aufgekratzten Haufen die Leviten liest.

Marco Gurtner erntet die ersten Begeisterungsstürme mit dem Fondue, das er als „Färdigmischig“ im Miggi (Migros) kaufen will. Nein, kein Raclette! Bei der Aufzählung der dazu erforderlichen Zutaten – „Maiskchchölbli“ zum Beispiel – kommt er in Rage, das Publikum tobt schon vor dem Ende des Siebenminüters.

Dann kommt Bernhard Hoffmeister aus Düsseldorf. „Ich bin auf jeden Fall vielleicht dabei“ umschreibt er seine Probleme mit dem Treffen von Entscheidungen. Was er damit meint, erlebt man bei seiner Geschichte vom Sofakauf, der umgehend in einen Gewissenskonflikt ausartet, weil es ja eigentlich gar kein Spießer- oder Bonzensofa sein darf.

Das nächste Duell bestreiten zwei Slammerinnen, die sonst auch im Doppelpack auftreten: Lara Ermer aus Fürth, die ihre Heimatstadt in einer „liebevollen Hasserklärung“ in Grund und Boden textet und Teresa Reichl aus Regensburg, die das Personal in Liebesgedichten früherer Epochen umstellt, und die Frau zu Wort kommen lässt: „Mein Unterkleid ist feucht schon wie die See…“ dichtet sie in bester Gryphius-Manier den Jüngling an.

Florian Hacke aus Kiel muss es mit Khaaro aus Harburg aufnehmen. Sein Beitrag berichtet von der Unmöglichkeit, im Papa-Kurs der Volkshochschule, den eine Hebamme mit Peter-Maffay-Muttermal leitet, neue Kumpels zu finden.

Am Ende steigt Khaaro in die Arena, die Maschinenbauerin, mit Schraubendreher und Textbuch gleichermaßen vertraut. In neckischen Reimen lässt sie eine Total-Rundumwerbung für den Beruf Maschinenbauer los, die der Innung einen Tsunami an Neubewerbungen bringen müsste.

Und der Preis? Das Schöne am Poetry-Slam ist nicht nur die vollständige Abwesenheit von Kommerz und Karrierestreben, sondern auch die aktive Mitwirkung des Publikums, nicht nur als Jury. Nick hat eine Klappkarte und Buntstifte mitgebracht und überlässt einem Pärchen aus dem Publikum deren Gestaltung. Der rasende Schlussapplaus wird auf einem Mini-Datenträger auf der Karte aufgenommen und kann vom Sieger beliebig oft abgespielt werden.

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