Lörrach „Meistens sind wir der Arsch!“

 Foto: Martina Proprenter

Lörrach - Bissig und gleichzeitig subtil unterhielt Sebastian Pufpaff am Samstag das Burghof-Publikum. Die Arbeitsgrundlage des neuen Programms „Wir nach“ sei der Versuch gewesen, komplett auf Inhalt zu verzichten. Das hat nicht geklappt. War aber so auch gar nicht vorgesehen. Vielmehr hielt der Rheinländer vor ausverkauftem Haus dem Publikum einen Spiegel vor. Oft komisch, manchmal aber auch schmerzhaft.

Die große Frage für Kabarettisten sei ja immer: „Worüber soll ich reden?“, begrüßte Pufpaff. Da die Inhaltsfülle des letztens Programms kritisiert wurde, wie er scherzte, rede er nun nur über sich. Geschickt lullte er erst mit semibiografischen Erlebnissen ein, um dann den Finger tief in die Wohlstandswohlfühlwunde zu legen. Denn das Geheimnis, um glücklich zu leben, sei „selektive Wahrnehmung“, alles Negative müsse einfach ausgeblendet werden.

Gewagte Vergleiche

Platte Witze blieben dabei die Ausnahme. Etwa zur Beschreibung, wie gut es ihm derzeit gehe: „Wäre ich ein Einhorn, ich würde furzen, es käme Glitter raus.“ Vielmehr hatte Pufpaff sichtlich Freude an den verlegenen, teils schockierten Lachern, die seine gewagten Vergleiche auslösten.

Etwa seine Erklärung, warum weltweit mit dem zweijährigen Jungen mitgefiebert wurde, der in Spanien in einen Brunnen gefallen war, während sich kaum jemand für 14 auf dem Mittelmeer ertrunkene Flüchtlingskinder interessierte. Einzelfälle schockieren, eine anonyme Masse weniger. „Sollte nochmal ein Kind in Spanien in einen Brunnen fallen, sollte man vielleicht einfach noch 13 weitere Kinder dazu geben, dann tut das nicht so weh“, sinnierte er.

Mit rabenschwarzem Humor beschwerte er sich entrüstet, dass Männer nie die Chance hatten, sich im Beruf „hochzubumsen“, nur um dann zu fragen, warum Frauen – als Kollektiv und voller Solidarität – nicht schon längst gegen Sexisten und Lohnungleichheit auf die Barrikaden gegangen sind. „Sie nehmen das einfach so hin, sie lassen sich ausbeuten!“ Er wisse gar nicht mehr, wie schäbig er sich noch verhalten müsse, um eine Reaktion zu provozieren.

Tief ins eigene schlechte Gewissen getroffen, wollte Pufpaff das Publikum aber dann auch nicht entlassen. Vielmehr appellierte er daran, dass jede und jeder Einzelne etwas gegen den gefühlten oder realen Stillstand – politisch wie privat – tun könne: „Vergessen Sie alles, was ich erzählt habe.“ Man könne „für“ Dinge sein, solle an das Wertesystem der Demokratie glauben und Statussymbole vergessen. Und sich vor allem selbst daran erinnern zu reflektieren: „Egal, was da draußen stattfindet, worüber wir uns am häufigsten aufregen: Meistens sind wir der Arsch.“

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