Das Angebot der ersten gemeinsamen Kulturnacht der Städte Lörrach und Weil am Rhein war in seiner Vielfalt und Fülle beeindruckend.

Von Veronika Zettler (Text), Kristoff Meller (Fotos Lörrach) und Oliver Welti (Fotos Weil)

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Wer bis zum Schluss durchgehalten, vielleicht bei der Eröffnungsparty im neuen Theaterhaus von Tempus Fugit noch ein wenig gefeiert hatte, der konnte zu später Stunde kulturgesättigt und rechtschaffen müde ins Bett fallen. Das Angebot der ersten gemeinsamen Kulturnacht der Städte Lörrach und Weil am Rhein war in seiner Vielfalt und Fülle beeindruckend. Nicht viele dürften es geschafft haben, mehr als zehn oder zwölf Stationen in fünf Stunden abzuklappern. Zumal das Programm mancherorts so spannend war, dass man sich schwerlich wieder losreißen konnte.

Ein ockerfarbenes Programmheft war das am häufigsten gesichtete Accessoire des Abends. Ob in Lörrach oder in Weil: An jeder Ecke sah man Personen darin blättern, überall bummelten Menschen durch die Straßen, den Blick fest in die Broschüre geheftet. Wo ist was" Ab welcher Haltestelle fährt der Bus" Und was war nochmal in der Friedlinger Kirche" Im Lörracher Rathaus" Das Programmheft entpuppte sich als Wegweiser, ohne den man im Kulturdschungel schon mal die Orientierung verlieren konnte.

Lange Kulturmeile vom Werkraum Schöpflin zum Weiler Kieswerk

Apropos Dschungel: Wilde Kreaturen begegneten einem mehrfach entlang der Kulturmeile, so im Werkraum Schöpflin in Brombach, wo unsere Tour begann, und im Weiler Kieswerk, wo sie endete. Hüben wie drüben ließen sich Tiergemälde von Gaby Roter bewundern. Im Werkraum begeisterten die märchenhaften Tierbilder von Quint Buchholz – und die bezaubernde Angela Buddecke, die Tiergeschichten von Douglas Adams las. Wir starteten in diesem Sinne: per Shuttlebus durch die Kulturgalaxis.

20.30 Uhr: Vor der Lörracher Stadtbibliothek hat sich eine große Menschentraube gebildet. Ein geöffnetes Schaufenster fungiert als Schaubude. Darin amüsieren Dietmar Fulde und Pia Durandi das Publikum mit musikalischen Szenen ehelicher Zermürbung. Doch Eile ist geboten. Auf der Agenda steht ein Rundgang mit den Oberbürgermeistern Wolfgang Dietz und Jörg Lutz sowie den Kulturchefs Tonio Paßlick und Lars Frick, letztere haben sich die Kulturnacht zusammen ausgedacht. Mit von der Partie ist auch Günther Heck von der Volksbank Dreiländereck, Sponsor der Kulturnacht.

Thai Chi und Qi Gong auf dem Marktplatz Lörrach

Vom Marktplatz, wo man Qi Gong und Thai Chi ausprobieren kann, geht es zum Dreiländermuseum. Der Hebelsaal ist diesmal nichts für Leute mit Klaustrophobie, er platzt schier aus den Nähten. Die vielen Kinder im Publikum lachen und staunen abwechselnd über die Zaubertricks des Magiers Marcel „Magrée“ Grether. Zauberhaft ist die Stimmung auch in der benachbarten Stadtkirche. Auf einer großen Leinwand rettet Charlie Chaplin seine Angebetete aus einem brennenden Haus, derweil Christian Groß die Stummfilmspannung mit großartigen Improvisationen an der Walcker-Orgel erhöht.

Kinder staunen über Zaubertricks von Magrée

22 Uhr: Zeit, nach Weil überzuwechseln. Im dicht gefüllten Shuttlebus müssen einige mit Stehplätzen Vorlieb nehmen. „Wenigstens kann man nicht umfallen“, lacht Judith Lutz. Plötzlich Saxofonmusik: Zwischen den Fahrgästen spielt Hansi Kolz „Those Were The Days“. Er lässt sich von dem Gerüttel in keinster Weise aus dem Takt bringen. Rund um den Weiler Lindenplatz wollen gleich mehrere Stationen besucht werden.

Beim Weiler Lindenplatz dreht sich alles um Feuer

Im Museum am Lindenplatz führen Feuerwehrleute durch die aktuelle Sonderausstellung „112 Florian Weil“, während Klaus Koska und Sandra Trefzer in der Museumsbar Texte rund ums Thema Feuer rezitieren, von Schillers „Glocke“ über Fontanes „John Maynard“ bis zu einer alemannischen Version vom zündelnden Paulin-chen. In und am Stapflehus sind Videoinstallationen verschiedener Künstler zu sehen. „Einfach auf sich wirken lassen und nicht zu viel interpretieren“, macht der Weiler Kunstvereinsvorsitzende Friedrich Resin den Einstieg leicht. Wir laufen hin­über zur Kirche. Die Mitglieder des Gesangvereins Weil 1836 und der Singgemeinschaft Lörrach 1974 packen gerade zusammen. Soll man auf den Auftritt der begnadeten Weiler Sängerin Silke Marchfeld warten, oder soll man zu den offenen Ateliers im Kesselhaus"

Besucher gehen mit einer Fülle von Eindrücken auf den Nachhauseweg

Die Tour endet im Kieswerk, wo noch viel Staunenswertes offeriert wird. Es gibt eine Live-Art-Factory, überlebensgroße Echttierobjekte und einen Vorgeschmack auf die anstehende Animals-Ausstellung, in der unter anderem Werke der Künstlerin Madame Pipa zu sehen sind. DJ Föhn legt eines der letzten Bowie-Stücke auf, und Volker Scheurer versieht seine grandiosen Skulpturen Ken und Barbie mit einer ebenso grandiosen literarischen Science-Fiction-Utopie. Fazit gegen 0.30 Uhr: Von heiter bis düster, von bodenständig bis avantgardistisch haben die Städte Lörrach und Weil am Rhein in allen Sparten ein Kulturangebot präsentiert, das keinen Vergleich scheuen muss. Die Kulturnacht entließ die Besucher mit Hunderten von Eindrücken auf den Nachhauseweg. Manches war wohlbekannt, anderes neu, vieles einfach nur schön – und wert, gesehen zu werden. Auf die zweite Auflage kann man sich freuen.

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