Lörrach Musikalisches Gedenken an die Novemberpogrome

Jürgen Scharf
Der Pianist Boris Chnaider nahm die Zuhörer mit auf eine „Reise durch Zeit und Raum“. Foto: Jürgen Scharf

Ein Klavierkonzert als musikalisches Gedenken an die Novemberpogrome 1938 mit Musik jüdischer Komponisten füllt den der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach bis auf den letzten Platz.

Jedes Mal am 9. November, am Tag der Reichspogromnacht und des Synagogenbrandes, veranstaltet die Israelitische Kultusgemeinde Lörrach ein Konzert. Am Donnerstag wurde an den 85. Jahrestag der NS-Pogromnacht erinnert und zugleich an die Einweihung der neuen Lörracher Synagoge auf den Tag genau vor 15 Jahren.

Dem Anlass entsprechend begrüßten im voll besetzten Davidsaal Moshe Flomenmann, Landesrabbiner in Baden, und die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Hanna Scheinker, die Zuhörer mit eindringlichen Worten.

Zu diesem Gedenken stellte der Basler Pianist Boris Chnaider, einer der wenigen Klavierkünstler, der bei Konzerten auch seine Stimme einsetzt und singt, Musik jüdischer Komponisten vor – was aber nicht gleichzusetzen ist mit jüdischer Musik.

Sein Programm „Reise durch Zeit und Raum“ ist musikalisch ungewöhnlich und ambitioniert, wird von ihm mit großer musikalischer Intelligenz und mit manueller Perfektion umgesetzt.

Chnaiders Auseinandersetzung mit der Musik jüdischer Komponisten beginnt natürlich bei Felix Mendelssohn, der in der Nazi-Zeit verboten war, setzt aber überraschenderweise auch Johann Strauß Sohn aufs Programm, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Bei der Strauß-Dynastie, die jüdische Wurzeln hatte, wurde die Familiengeschichte in einer geheimen Reichssache 1941 gefälscht. Wie hätten die Nazis auch den Radetzkymarsch, die „Fledermaus“ oder den Walzer „An der schönen blauen Donau“ verbieten wollen?

Diesen Donauwalzer gestaltet Chnaider mit kristalliner Struktur und viel Farbigkeit, wie er auch einmal zur Operette eines Emmerich Kálmán abschweift und ein Lied aus „Gräfin Mariza“ sehr intensiv singt.

Viktor Ullmann hat seine letzten drei Klaviersonaten in Theresienstadt komponiert, bevor er in Auschwitz ermordet wurde. Aus der fünften Sonate spielt Chnaider die wunderbare, ganz spezielle Serenade – das ist schon tief anrührend, wie der ganze Klavierabend im Geiste der Musik.

Chnaider interpretiert diese unverwechselbare emotionelle und packende Musik des deutschjüdischen Komponisten plastisch klar. Und zeigt mit seiner einfühlsamen Wiedergabe zwischen kontrollierter Wildheit und innerer Ruhe, dass auch diese Serenade in ihrem expressiven Tonfall zwischen Zuversicht und Verzweiflung schwankt.

Alexander von Zemlinskys zwei kurzen Klavierstücken aus den Fantasien op. 9, denen Gedichte von Richard Dehmel vorangestellt sind, bleibt Chnaider ebenfalls nichts schuldig.

Trotz des etwas hart klingenden, ziemlich neuen Flügels erfasst er sie hervorragend in ihrem Gehalt und ihrer poetischen Tonsprache: innig und die Melodien hervorhebend in dem Satz „Liebe“, leise und mit ruhigen Bassschritten gehend in „Stimme des Abends“. Chnaider kann mit dieser spätromantischen Musik viel anfangen und braucht nicht vordergründig mit Virtuosität zu glänzen.

Mehrfach singt er mit seinem leicht trockenen, aber ausdrucksstarken Bariton und engagiert sich auch für die im Konzentrationslager ermordete Ilse Weber. Ganz umsichtig und authentisch spielt er das für ihn vom Komponisten Alexander Levkovich arrangierte „Lullaby“, eine Vocalise aus dessen Klaviertrio „The Holocaust“.

Diesem A-cappella-Wiegenlied gibt der Pianist noch einen eigenen künstlerischen Impuls und erhebt es damit zu einer Bekenntnismusik. Versöhnlich.

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