Lörrach/Basel - „Station Solaris an Anflieger. Vorbereiten zur Landung!“, tönt die Stimme aus dem Kontrollraum. An Bord der Kapsel „Prometheus“ kommt der Psychologe Kris Kelvin von der Erde eingeflogen und landet auf dem Planeten Solaris. Mit dabei bei dieser Solaris-Expedition waren am Sonntag die „Wintergäste“-Besucher, die sich diese Science Fiction von Stanislaw Lem, dem „Gottvater“ des fantastischen und futuristischen Genres, nicht entgehen ließen.

Die Abschlusslesung der diesjährigen Lesereihe – einmal im Werkraum Schöpflin in Lörrach, einmal in der Druckereihalle in Basel – war lang und heftig: Fast zwei Stunden geballte Ladung actionreiche Science Fiction, aber schließlich war man ja unendlich unterwegs im Weltall. Eine spannende, aber klassische szenische Lesung. Der Werkraum Schöpflin ist abgedunkelt, das Licht wechselt je nach Situation und Gefühlslage, und die Sphärenmusik erweitert unsere Vorstellung von Raum, Zeit und All. Der Sound (Hannes Kumke) bringt einen weit weg in ferne Galaxien.

Fragen über Fragen

Unerklärliche Ereignisse passieren in der Station Solaris. Fragen über Fragen, meist solche nach Erkenntnis, Lebensfragen. Von Anfang an ist diese Mission zu den Sternen voller Geheimnisse, Andeutungen und Rätsel. Dramaturgin Marion Schmidt-Kumke hat vor allem die dialogischen Passagen aus dem über 300 Seiten dicken Buch für die Lese-Fassung ausgewählt, viel ausgelassen, aber doch den Kern der Geschichte belassen.

So hört man gleich nach der Ankunft von Kelvin (prononciert gesprochen von Christian Heller), der 16 Monate in der Raumkapsel geflogen ist, von der mysteriösen Begegnung mit einem seltsamen Bewohner dieser Station, Doktor Snaut, genannt Ratz, dem Stellvertreter von Gibarian, der umgekommen ist. Snaut ist Kybernetiker, ein kleiner schmächtiger Mensch mit sonnenverbranntem Gesicht, blutunterlaufenen Augen und verkrustetem Blut an den Knöcheln. Urs Bihler verkörpert diesen undurchschaubaren Wissenschaftler als vorgeblich „biederen alten Ratz“.

Sinnestäuschung oder körperhafter Traum?

Da ist noch Satorius vom Laboratorium, ein nicht ungefährlicher Physiker und umgedrehter Doktor Faust. Und da ist Kelvins tote Ehefrau Harey, der Doris Wolters die Stimme leiht, und die plötzlich auf der Station auftaucht. Nur ein Hirngespinst von Kelvin? Eine Sinnestäuschung? Oder ein körperhafter Traum? Man weiß nicht so recht, ist diese Harey ein Phantom oder lebt sie nur in Kelvins Erinnerung? Immerhin ist sie eine Schlüsselfigur. In einer starken Szene erfährt man von einer tragischen Liebesgeschichte der beiden.

Auf dem Lesetisch liegt vor Heller eine Cyber-Brille als Requisit für diese abenteuerliche Geschichte aus dem Cyberspace, die aber alles andere ist als „Star Wars“. „Solaris“ ist eher Science Fiction-Philosophie. So war intellektuelle Spannweite beim Zuhören gefordert. Das aufmerksame Publikum musste schon kosmische Ambitionen mitbringen, um diesem dicht geschilderten Geschehen auf der Raumstation zu folgen. Die drei „Solaristen“ Bihler, Heller und Wolters trugen den ScFi-Klassiker atemberaubend intensiv vor.

Ihre Lesung haben sie dem kürzlich verstorbenen Kollegen Jörg Schröder gewidmet, der viele Jahre zu den Publikumslieblingen am Theater Basel gehörte, von vielen gefeierten Rollen in Erinnerung bleiben wird und der auch bei den „Wintergästen“ unvergessen ist: „Wir lesen heute für ihn.“