Lörrach Streitbar, unbeugsam und weitsichtig

Hans-Peter Roth ist am vergangenen Donnerstag verstorben. Foto: zVg/privat

Von Guido Neidinger

Lörrach. Im Alter von 90 Jahren ist Hans-Peter Roth am vergangenen Donnerstag verstorben (wir berichteten). Mit ihm starb ein überaus streitbarer und vielfach unbequemer, aber bisweilen auch weitsichtiger Lörracher Bürger. Hinter ihm liegt ein bewegtes Leben. Als der Spielwarenhändler sein Geschäft an der Basler Straße Anfang der neunziger Jahre schließen musste, weil das Haus zum Abriss stand, hätte sein Ruhestand beginnen können.

Doch es kam anders. 1994 kam seine Tochter Angelika, die in Namibia lebte, bei einem Autounfall ums Leben. Zuvor war bereits ihr Ehemann tödlich verunglückt. Um Enkelsohn David, damals 15, nicht aus seinem Lebensumfeld zu reißen, beschlossen Roth und seine Frau Liane, nach Windhuk zu ziehen. Es wurden sieben Jahre, bevor das Ehepaar Roth wieder nach Hause zurückkehrte.

In Namibia engagierte Roth sich sehr schnell – wie in Lörrach in der Friedensgemeinde – als Prädikant in der Kirche. Er wurde außerdem Generalsekretär des dortigen Leichtathletik-Verbandes. Zugute kamen ihm hier seine zehnjährige Erfahrung als Vorsitzender des Vereins Rot-Weiß Lörrach.

Doch Lörrach blieb für Roth stets Heimat. Als er 2001 zurückkehrte, strebte er keine Ämter mehr an, wie 1991 den Posten des Oberbürgermeisters. Aber einmischen wollte er sich schon – und das immer wieder. So stieß er die intensiv geführte Diskussion um das Bild des früheren Nazi-Bürgermeisters Boos im Rathaus an.

Mit 80 Jahren verfasste Roth, ein begeisterter Leserbriefschreiber und kenntnisreicher Autor historischer Beiträge – unter anderem für die in Namibia erscheinende deutschsprachige „Allgemeine Zeitung“ – einen Roman. Der Titel: „Die Hansen Saga“. Das Buch, das er im Selbstverlag herausbrachte, befasste sich inhaltlich mit seinem Leben und mit Adolf Hitler. Das Werk enthielt viele biografische und historische Details. Was jedoch für viel Widerspruch und Entrüstung in Lörrach sorgte, waren Roths Aussagen über den Nationalsozialismus.

Dass damals viel nicht so gewesen sei, wie es heute dargestellt werde, davon wich Roth Zeit seines Lebens nicht ab. Während der öffentlichen Vorstellung des Buchs betonte Roth, es habe „nicht nur gute Juden und nicht nur schlechte Nazis“ gegeben. Und auf seinen „geliebten Führer“, so Roth wörtlich, lasse er nichts kommen. Trotz des vehementen Widerspruchs, unter anderem von Markus Moehring, dem Leiter des Dreiländermuseums, wurde Roth gehört und durfte seine Thesen im Museum vortragen.

Oft überhört fühlte er sich dennoch. Und so verließ Roth den CDU-Stadtverband im Groll, weil er mit seinen Ideen kein Gehör fand. Bisweilen waren es sonderbar anmutende Ideen, die Roth äußerte. So schlug er einmal vor, Lörrach als kleiner Stadt durch eine Umbenennung mehr Geltung zu verschaffen. In Anlehnung an die große Schweizer Nachbarstadt Basel sollte Lörrach besser „Badisch Basel“ heißen.

Aber auch Weitsicht besaß Roth. So prophezeite er, dass die Stadt an den Folgekosten für den Burghof „erstickt“. Und bei der Stadt Lörrach stellte er Anfang der neunziger Jahre den Antrag, im Grüttpark einen Sportkindergarten einzurichten. Damit wollte Roth die frühkindliche Sportentwicklung fördern. Während eine solche Einrichtung in Freiburg Wirklichkeit wurde, war ihm das in Lörrach nicht vergönnt. Der damalige Oberbürgermeister Rainer Offergeld, kein Freund Roths, vereitelte die Pläne. „Zu teuer“, hieß es aus dem Rathaus.

Selbst mit der Oberbadischen, seiner Zeitung, war Roth häufig unzufrieden. Stundenlange Diskussionen mit dem Chefredakteur und der Redaktion führten meist nicht zu einer Einigung. Und so beendete Roth mehrfach sein Abo, um es Monate später wieder zu aktivieren. „Ich kann nicht ohne“, gestand er. In den letzten Jahren seines Lebens zog Roth sich dann mehr und mehr zurück.

Die Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung findet am Montag, 20. September, 13.30 Uhr, auf dem Hauptfriedhof statt.

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