Lörrach Viel Unsicherheit am Bau

 Foto: Kristoff Meller     

Lörrach - Wenig Rohstoffe, unkalkulierbar lange Lieferzeiten für Material und explodierende Preise: Die Baubranche kämpft derzeit mit kaum berechenbaren Bedingungen – auch in Lörrach.

„Mehr als 50 Prozent der heimischen Betriebe melden signifikante Preissteigerungen von Rohstoffen“, berichtet Alexander Graf, Leiter des Geschäftsfelds Standortpolitik der Industrie- und Handelskammer, im Gespräch mit unserer Zeitung. Ob Holz, Stahl, Kunststoff, Dämmmaterial oder Aluminium, bei fast allen Rohstoffen komme es zu extremen Preissteigerungen.

Die Gründe dafür sind vielschichtig und reichen von den Folgen der Corona-Pandemie über Borkenkäferbefall bis zu Vorratskäufen von liquiden Großunternehmen.

Gerade die Holzpreise schießen derzeit exorbitant in die Höhe. „So kostet eine einfache Dachlatte, die zuvor für 47 Cent zu haben war, mittlerweile 1,17 Euro“, macht Siegfried Böhringer von der Zimmerer-Innung Lörrach die Problematik an einem kleinen Beispiel fest.

Der Hauptgrund für die überhöhten Holzpreise seien die Exporte von Holz in die USA und nach China. Denn dort ist die Konjunktur nach dem pandemiebedingten Herunterfahren der Wirtschaft schneller wieder angesprungen als erwartet. Vor allem in China herrscht laut Böhringer derzeit ein Bauboom.

Die Folge: Ein geringes Angebot stößt auf eine sehr große Nachfrage. „Viele Materialien, wie beispielsweise Holzmassivprodukte, sind deshalb schlicht nicht verfügbar oder erst sehr spät verfügbar“, sagt der Kreishandwerksmeister und Obermeister der Lörracher Schreiner-Innung Martin Ranz. Die Lieferzeiten seien teilweise mehr als doppelt so lang wie üblich. Des Weiteren seien nicht nur die extrem hohen Preise ein Problem, sondern auch die unstete Preislage. „Wenn ich Materialien bestelle, weiß ich nie, wie teuer es am Ende wird. Selbst die Lieferanten können mittlerweile keine zuverlässigen Preisauskünfte mehr geben“, erklärt Ranz.

Man müsse jedes Teil einzeln anfragen, die Auskünfte beruhten dann aber nur auf einer Kalkulationsgrundlage, die sich schnell wieder ändern könne. Das daraus resultierende Problem ist offensichtlich: Es können keine Fixtermine bestätigt werden, da weder bekannt ist, wann die benötigten Materialien eintreffen, noch, wie teuer sie schlussendlich werden. Viele Betriebe seien deshalb gezwungen, Preisgleitklauseln in ihre Verträge zu integrieren, da der ursprünglich festgelegte Preis nach ein paar Wochen meilenweit von dem tatsächlichen Preis entfernt sein könne, so Ranz. Zudem liefern einige Lieferanten nur noch kleine Kontingente, auch Lacke und Metallbeschläge seien teurer.

Doch nicht nur für Zimmerer und Schreiner steigen die Preise massiv an, auch Elektriker haben mit der Problematik zu kämpfen. Wegen des steigenden Kupferpreises haben sich die Kabelpreise deutlich verteuert, berichtet der Obermeister der Elektro-Innung Lörrach, Markus Roths. „Die Kupferpreise haben sich um den Faktor fünf erhöht.“ Das liege auch daran, dass in den Ländern, in denen das Kupfer gefördert werde, viele Mitarbeiter aufgrund der Pandemie entlassen worden seien und jetzt fehlen würden, erklärt Roths. Laut Christian Talmon-Gros, Geschäftsführer der Lörracher Firma Elektro-Rütten, „sind die Preise für Kabel um 15 bis 20 Prozent, für Kabel- und Blechrinnen um zehn bis 15 Prozent und für alle anderen Elektroartikel um etwa fünf Prozent angestiegen“. Und ein Ende der Preisspirale ist nicht in Sicht.

Von der Misere sind letztlich auch die Bauherren betroffen. Ein großer Bauherr in Lörrach ist die Baugenossenschaft. Glück gehabt habe man, so Geschäftsführer Andreas Seiter, mit dem Großprojekt Lerchenhof an der Brühlstraße. „Hier waren wir früh genug dran, und das Projekt ist weit fortgeschritten.“ Anders sieht es auf der Baustelle direkt nebenan aus. Die Sanierung und die Aufstockung des dortigen Wohnungsbestandes könnte sich laut Seiter durchaus verzögern. Wenn beispielsweise das Material für ein Gewerk nicht vorhanden sei, dann könnten auch die Anschlussarbeiten nicht fristgerecht durchgeführt werden.

Als besonders misslich bezeichnete Seiter, „dass es keine verlässlichen Informationen gibt, wie und wann das notwendige Material auf die Baustelle kommt“. Bei Auftragsvergaben seien inzwischen kurzfristige Enscheidungsfenster gang und gäbe. „Da hat man keine Chance, zu überlegen und andere Angebote einzuholen, sondern muss sofort entscheiden.“

Alte Hasen auf dem Bau berichten laut Seiter, dass solche Extremsituationen sich in der Vergangenheit meistens innerhalb von zwei bis drei Monaten wieder reguliert hätten. Diese Hoffnung hegt Seiter derzeit nicht und folgert: „Vielleicht müssen wir umdenken und Produktionsstätten in Europa, die uns zu teuer waren, wieder reaktivieren und uns auf ein generell höheres Preisniveau einstellen.“ Nur so könne man sich von den anfälligen globalen Lieferketten unabhängiger machen.

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