Lörrach Von der Sehnsucht des Reisens

Gabriele Hauger
Meret Becker in einer Hommage an den Zirkus Foto: Burghof

Meret Becker ist ganz schön im Stress, die Stimme etwas abgehetzt, kein Wunder, mit dem Handy im Ohr fährt sie gerade mit dem Aufzug aus den Proberäumen irgendwo in Berlin einen Stock höher, um in Ruhe mit uns sprechen zu können. Viel Zeit habe sie nicht, die Proben, die Kollegen... Und so können ein paar sehr interessante Bemerkungen zur Corona-Situation leider nicht vertieft werden. Viel zu sagen hat Meret Becker aber in jedem Fall: Über die Kunst, das Älterwerden und den Tatort.

Von Gabriele Hauger

Frage: Frau Becker, Sie sind für Ihre vielschichtige Kreativität bekannt. Nun kommen Sie mit Ihren Musikern The Tiny Teeth und dem Programm Le Grand Ordinaire in den Lörracher Burghof. Mir scheint, darin können Sie all Ihre künstlerischen Anlagen ausleben? Sie ziehen alle Register: Singen, Artistik, Musizieren bis zur Komödie.

Diese Vielschichtigkeit ist Segen und Fluch zugleich. Meine Intention bei diesem Programm ist es primär, eine Geschichte zu erzählen, die sich um das Thema Zirkus dreht. Das Zirkusmilieu fasziniert mich, weil dies eine Welt voller Sehnsucht ist, voller surrealistischer Momente. Und weil der Zirkus auch das Element des Weglaufens beinhaltet, des Ziehens, des Reisens. Diese Sehnsucht haben doch eigentlich alle Menschen! Und gleichzeitig schlagen sie anderen die Türe vor der Nase zu.

Mit Zirkus verbindet jeder etwas. Oft trägt man ein Bild in sich, das die heile Welt des vermeintlich romantischen Zirkuslebens aus Kindertagen zeigt, das es so in der Realität aber vielleicht nie gegeben hat. Ich werfe daraus Fragmente in den Raum, aus denen sich die Zuschauer selbst eine Geschichte bauen können, mit musikalischen und surrealen Bildern, die von Reisenden erzählen. Gleichzeitig wird das Niemals-Ankommen thematisiert, die Angst vorm Fremdsein und vor Fremdheit.

Frage: Sie spielen, singen, zeigen Humor, wie beispielsweise in der Szene, in der sie eine theatralische Wiedergabe von „La vie en rose“ liefern. Die Abfolge des Programms kommt so leicht, surreal, träumerisch daher. Ist sie auch so entstanden oder steckt dahinter akribische Kleinarbeit?

Das ist eine ziemlich akribische Arbeit! Das Programm basiert auf Assoziationen, Situationen, Geschichten, die ich selbst erlebt habe, die mir im Variété begegnet sind, die mir Freunde erzählen oder die aus meiner Familiengeschichte stammen, da ich ja mütterlicherseits vom Zirkus komme. All das versuche ich zu sortieren und daraus eine umfassende Collage voller Abenteuer zu kreieren.

Frage: Für Le Grand Ordinaire müssen Sie auch körperlich enorm fit sein. Chapeau für Ihre Artistik! Wie halten Sie sich fit?

Manche Künstler konzentrieren sich ganz aufs Schauspiel. Die kennen alle Stücke rauf und runter, sind totale Profis. Musiker wiederum sind virtuos auf ihren Instrumenten. Ich bin das alles nicht. Ich mache fast alles. Muss dafür aber regelmäßig heftig trainieren. Beispiel Artistik: Da hänge ich mich drei Mal die Woche in die Luft, um fit zu bleiben. Auch wenn das so leicht aussieht: Das ist viel Arbeit! Seit längerem sage ich mir: Wenn ich soundso alt bin, mache ich das nicht mehr. Dann bin ich so alt... und mache es immer noch!

Frage: Ist diese künstlerische Vielschichtigkeit nicht manchmal fast eine Last?

Man muss aufpassen, dass man sich nicht verläuft. Und gleichzeitig finde ich es auch schön, weil man so viele kreative Dinge bauen kann, in allen Bereichen drin ist und mitreden kann. Ich passe damit eben in keine Schublade. Es ist ziemlich schwierig, jemandem, der das nicht kennt, zu erklären, was ich genau mache. Ich finde es wichtig, dass ich die Menschen unterhalten kann. Erwachsene sind auch nur groß gewordene Kinder und wollen nicht gelangweilt, sondern mitgerissen werden.

Frage: Sie sind ein sehr jugendlicher Typ. Viele Schauspielerinnen klagen darüber, dass man ab 50 kaum noch gute Rollen bekommt. Wie beurteilen Sie das?

Es gibt definitiv Altersdiskriminierung. An diesem Thema und insgesamt an dem Thema Diversität arbeiten wir an der Filmakademie sehr intensiv: Rassismus, Sexismus, Homophobie – das kommt leider alles auch in unserer Branche häufig vor.

Frage: Die Frage muss kommen: Warum verlassen Sie den Tatort?

Weil ich so viel anderes vorhabe! Ich hoffe, ich schaffe das überhaupt. Ich habe so wahnsinnig viele Ideen. Mein ganzes Leben reicht nicht aus, das alles zu verwirklichen. Zudem bin ich auch kein expliziter Fernseh-Fan. Es war eine große Ehre für mich, diese Rolle spielen zu dürfen. Finanziell gesehen: Wenn ich gewusst hätte, dass Corona kommt, hätte ich vielleicht noch ein, zwei Jahre weiter gemacht. Ich bin aber kein Fernseh-Mensch, kein Sicherheits-Mensch. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich nicht in Hollywood arbeite, sondern dass ich Arthouse-Filme mache. Ich will Kunst vor allem auf der Bühne machen. Aber der Tatort war eine tolle Erfahrung.

  Meret Becker & The Tiny Teeth: „Le Grand Ordinaire“: Freitag, 28. Januar, 20 Uhr, im Burghof; weitere Infos: www.burghof.com

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