Lörrach Was uns in Krisen Halt gibt

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Krieg in der Ukraine, Corona-Pandemie, Klimakatastrophe, Arbeitsmarkt im Umbruch, Wohnungsknappheit, steigende Energiepreise, Inflation: triftige Gründe, sich zu sorgen – obgleich es den meisten hierzulande fraglos noch vergleichsweise gut geht. 

Veränderungen und Krisen begleiten Menschen auf gesamtgesellschaftlicher und individueller Ebene.  Ein möglichst hohes Maß an Resilienz kann ihnen helfen, den Wandel zu bewältigen. Stefanie Sproß arbeitet als Coach und ist unter anderem auf Resilienztraining spezialisiert. Mit ihr sprach Bernhard Konrad.

Frage: Frau Sproß, psychische Resilienz bedeutet im Kern – etwas vereinfacht gesagt – die Balance zu halten zwischen innerer Stabilität und durch äußere Einflüsse verursachte Veränderung, insbesondere in Krisenzeiten. Welche herausfordernden Veränderungsprozesse im individuellen Kontext begegnen Ihnen bei Ihrer Arbeit regelmäßig?

Ein typisches Beispiel sind Veränderungen, die sich im Alter zwischen Anfang und Ende 50 einstellen: Die Kinder sind aus dem Haus, man muss sich neu orientieren.

Viele stellen sich in dieser Phase die Frage: Wie will ich in den kommenden Jahren arbeiten? Wie viel möchte ich arbeiten? Wie entwickelt sich meine Beziehung oder ganz allgemein mein Leben weiter? Aber auch junge Menschen stellen sich die Frage, wie sie zum Beispiel eine Work-Life-Balance leben können.

Frage: Was beschäftigt die Menschen konkret?

Vordergründig ist beispielsweise die Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation häufig von zentraler Bedeutung. In der Annäherung an die Frage, welche Werte dem Ratsuchenden wichtig sind, was er braucht, um sich zu entwickeln, um die eigenen Talente gut einsetzen zu können, kommt oft die Angst vor Veränderung zum Vorschein.

Die Furcht vor dem Verlust vorhandener Strukturen, Unsicherheit, wie es weiter geht, was alles von außen auf einen einströmen könnte und die Schwierigkeit, für sich selbst ein neues Ziel zu finden.

Frage: Der gern gesagte Satz: „Ich kann nicht aus meiner Haut“ bedeutet schlicht: Ich kann mich nicht ändern. Frau Sproß: Kann man sich ändern?

Wenn ich die Frage nicht bejahen würde, säße ich nicht hier. Wir können nicht unsere Persönlichkeit ändern – darum geht es auch nicht. Aber jeder hat die Möglichkeit, bestimmte Verhaltensmuster aufzubrechen und neue Perspektiven einzunehmen.

Die konkrete Überlegung, beispielsweise in Krisenzeiten den Beruf zu wechseln, ist natürlich von großer Tragweite, sie sollte nicht leichtfertig getroffen und sehr gut abgewogen werden, auch vor dem Hintergrund der Fragestellung: Kann ich meine Situation im aktuellen Job verändern? Was bringe ich einem neuen Arbeitgeber? Wie sind meine finanziellen Verhältnisse?

Auf einer reflektierten Grundlage lassen sich schwierige Entscheidungen besser treffen.

Frage: Wie können wir uns darauf vorbereiten, mit schwierigen Situationen gut zurecht zu kommen? Was stärkt die Resilienz?

Klassische Bausteine der ganzheitlichen Gesundheit sind: Ernährung, Bewegung, Entspannung und soziale Beziehungen. Das sind vier große Felder, auf denen ich aktiv werden kann für Körper, Geist und Seele. Und das kann man trainieren: sich der eigenen Stärken und Talente bewusst zu werden und diese einzusetzen.

Frage: Eigentlich braucht man dafür keinen Coach, oder?

Nein, wozu auch? Resilienz verlangt nicht, dass Ihnen ein Fremder Ratschläge gibt.

Frage: Das ist aber nicht besonders geschäftstüchtig.

(Lacht.) Wer das eben Genannte weiß, kann und beherzigt, braucht keinen Coach. Es gibt aber auch Menschen, die einen Coach konsultieren, damit er ihnen dabei hilft, ihre eigene Selbstwahrnehmung so zu entfalten, dass sie erkennen, was gut für sie ist.

Die Arbeit der Coaches besteht unter anderem darin, durch kluge Fragestellungen zur Selbstreflexion anzuregen, die Eigenmotivation zu stärken und sich auf den Weg zu machen.

Frage: Gleichzeitig ist es so, dass sich Menschen eher zu viele als zu wenig Sorgen machen. Eine Menge Sorgen sind objektiv betrachtet völlig überflüssig, oder?

Sie sprechen ein Lieblingsthema von mir an. Ich bin ein Fan der Stoiker. Eine Facette dieser Philosophie sagt, dass nicht die Sachverhalte an sich beunruhigend sind, sondern das, was wir in unserem Kopf über diese Dinge denken – was unser Gehirn uns darüber vorgaukelt. Unser Gehirn füttert uns ununterbrochen mit Informationen, es gelingt uns kaum noch, einfach für den Moment im Hier und Jetzt zu sein.

Es ist doch oftmals so: Wir grübeln über Vergangenes nach oder machen uns Sorgen über die Zukunft. Wir drehen uns im Gedankenkarussell, verrennen uns in Sorgen.

Wir sollten die Besinnung auf den Augenblick üben: Meditation, Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung sind wissenschaftlich valide belegte und bewährte Methoden, die den Entspannungsprozess fördern.

Frage: Können wir uns Resilienz in jedem Alter aneignen?

Jeder hat die Möglichkeit, auf Krisen fokussiert und lösungsorientiert zu reagieren – manche mehr, manche weniger: Von diesem Grundstock an Resilienz geht die Forschung aus. Sie geht auch davon aus, dass diese Basis in der Kindheit gelegt wird.

Kinder brauchen Menschen, die sie bestärken, die Mut machen, Vertrauen und Zuneigung schenken. Das muss nicht immer ein Elternteil sein, es kann auch ein anderes Familienmitglied, ein enger Freund oder die Erzieherin sein. Im Vordergrund steht das Gefühl von Selbstwirksamkeit, von eigener Tatkraft und Selbstvertrauen.

Viele haben ein sehr kritisches Bild in Bezug auf ihre Krisenfestigkeit von sich. Im allgemeinen unterschätzen wir eher, wie gut wir durchs Leben kommen.

Frage: Tatsächlich? Wir leben doch im Zeitalter der selbstbewussten Selbstoptimierer.

Die Haltung „Sei die beste Version Deiner selbst“ ist nach meiner Einschätzung eher in den USA ein verbreitetes Phänomen. Und selbstverständlich ist es schwierig, pauschale Aussagen über die Bewältigung schwieriger Phasen zu treffen: Manchmal ist das Leben einfach verdammt schwer, und manchmal schafft man es nur sehr schwer, eine Krise zu bewältigen.

Insgesamt aber trauen sich die Menschen eher zu wenig zu als zu viel. Sie sind sehr oft in der Lage, Krisen zu überwinden. Das kann uns zuversichtlich stimmen.

Wir dürfen krisenhafte Herausforderungen in verschiedenen Abschnitten unseres Lebens allerdings nicht mit pathologischen psychischen Erkrankungen verwechseln: Das ist ein anderes, ganz eigenes medizinisches Feld mit entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten.

Frage: Ändern sich im Verlauf des Lebens die Anforderungen an die Resilienz?

Das sehe ich so. Die einzelnen Lebensphasen verlangen unterschiedliche Strategien. Und je besser mein Methodenkoffer gefüllt ist, desto effektiver kann ich mit schwierigen Situationen umgehen. Wobei viele Methoden ganz einfach in den Alltag eingebunden werden können.

Wichtig ist: Ob Bewegung, Ernährung, Entspannung oder soziale Beziehungen – wenn ich diese regelmäßig kultiviere, kann ich die damit verbundene Stärkung relativ leicht abrufen. Viel einfacher, als wenn ich in Krisenzeiten erst mit all dem beginnen und mich dazu überwinden muss.

Frage: Wer übt, darf mit einer Wirkung rechnen?

Davon bin ich definitiv überzeugt. Regelmäßige kleine Schritte – gekoppelt mit Routinen im Alltag – werden sich bemerkbar machen. Und dieses Verspüren der eigenen Selbstwirksamkeit ist zusätzlich ermutigend.

Bei all dem sollte man eine gewisse Gelassenheit nicht verlieren. Wir sollten aufmerksam sein, uns aber nicht krampfhaft unablässig selbst beobachten. An der ein oder anderen Stelle kann es auch mal gut tun, gesunden Pragmatismus walten zu lassen, Dinge zu akzeptieren und uns einfach selbst zu sagen: „So isses eben.“

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