Lörrach Wie wollen wir leben und wohnen?

Die Arbeitsgruppe „Gemischt genutzte Quartiere“ hat auf die Stadt geschaut und Ideen entwickelt – zum Beispiel für den Salzert. Foto: Archiv Foto: Die Oberbadische

Neue Formen der Beteiligung nehmen in Lörrach Gestalt an. Das Zukunftsforum Lörrach+ versteht sich als „Labor der Zukunftsgestaltung“, so Isabell Schäfer-Neudeck und Frank Leichsenring von fairNETZT. Zusammen mit Lukas Harlan vom Kooperationspartner Schöpflin-Stiftung und vielen beteiligten Fachleuten und Bürgern präsentierten sie im Burghof die Ergebnisse des Zukunftsforums 2017 zum Thema „Wohnwandel: zukunftsfähig Leben und Arbeiten“. Was aber haben die verschiedenen Denkwerkstätten und Arbeitsgruppen im Detail erarbeitet? Und welche Ideen stecken dahinter? Wir stellen die Ergebnisse in einer Serie vor.

Von Veronika Zettler

Lörrach. In Hauingen sieht und hört man nichts mehr vom Verkehr. Die Unterdorfstraße hat sich in eine belebte Flanier- und Radmeile verwandelt, gesäumt von Geschäften, Cafés, Bäumen, Sitzgelegenheiten. Am Ortsausgang Richtung Haagen fügen sich zwei begrünte Öko-Hochhäuser im Stil des Mailänder Bosco Verticale harmonisch ins Gesamtbild. „Wir haben einfach mal ein bissel rumgesponnen“, schmunzelt der Architekt Ingo Herzog, als er verrät, wo in diesem Szenario die Autos stecken: in einem Tunnel nämlich, direkt unter der Unterdorfstraße.

„Wir“ – das sind die fünf Personen, die sich innerhalb des Zukunftsforums mit dem Thema „Gemischt genutzte Quartiere“ beschäftigt haben. Es war eine der größeren Gruppe und überdies eine, in der unterschiedliche Fachrichtungen zusammenkamen. Neben Ingo Herzog arbeiteten darin die Landschaftsplanerinnen Amalia Besada und Beate Engeser, der Grafikdesigner Martin Wundsam und der Student Maxim Bode. Ein interdisziplinäres Team mit Fachleuten und Bürgern – in kleinem Maßstab die ideale Umsetzung des Partizipationsgedankens.

Der Kreativität freien Lauf gelassen

„Unser Anliegen war es, einmal auf die Stadt zu schauen und Potenziale für die Quartiersentwicklung aufzuzeigen“, erklärt Ingo Herzog. „Dabei wollten wir ganz frei überlegen: Wo sehen wir Möglichkeiten, wie könnte man entwickeln?“ Planungs-, grundstücksrechtliche und finanzielle Aspekte – kurzum: Fragen der Machbarkeit wurden außer Acht, dafür der Kreativität freien Lauf gelassen. Man hat sich verschiedene Ecken angeschaut und schließlich fünf Quartiere mit viel Entwicklungspotenzial ins Visier genommen: Brombach, Hauingen, Salzert, außerdem die Nordstadt und das Kreiskrankenhaus samt zugehöriger Flächen.

Viel Grün, viel Wasser, viel Leben

„Das Zukunftsforum war eine tolle Chance, solche Visionen denken zu dürfen“, meint Ingo Herzog. „Es ging nicht unbedingt um Realisierbarkeit“, ergänzt Martin Wundsam. Ganz im Gegenteil: Der Reiz habe darin bestanden, „alle bestehenden Bedingungen einmal wegzulassen“. Erst dadurch werde offensichtlich, was „mehr sein kann“.

Klinikkomplex mit vielen Wohnformen

Als im Burghof die verschiedenen Projektansätze vorgestellt wurden, waren die professionell gestalteten Visualisierungen der Gruppe von vielen Interessenten umringt. „Schön wär’s ja schon“, befand etwa eine Besucherin vor dem visionären Modellbild eines Krankenhaus-Parks, der das Wasser (wieder) mehr in die Stadt holt, außerdem Grillplätze, Ateliers, Cafés und andere Aufenthaltsqualitäten bietet. Der ausgediente Klinikkomplex birgt in diesem Konzept unterschiedliche Wohnformen nebst Praxen, Büros und Läden. Auf dem Dach gibt es ein Schwimmbad und Gewächshäuser.

Gemischte Nutzung ist Entwürfen gemeinsam

Auch die Ideen für ein lebendiges Zentrum auf dem Salzert kamen an. „Und genau darum geht es“, betont Amalia Besada: „Um die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben und wohnen?“. Es besteht Einigkeit, als sie sagt: „Es gibt zu viele Stopper, bevor man kreativ sein kann“.

Ob in Brombach oder in der „Schlafstadt“ auf dem Salzert: Allen Entwürfen gemeinsam ist die gemischte Nutzung. „Mixing The City - Unser Quartiers-Smoothie für mehr Lebensqualität“ sind die Arbeiten überschrieben. Dabei soll der „Smoothie“ möglichst viele Zutaten für ein vitales Viertele enthalten: Wohnungen, Büros, Läden, Gastronomie, Kultur. „Es geht um Quartiere mit kurzen Wegen abseits des Zentrums“, erklärt Beate Engeser. Man brauche eine „gewisse Dichte“, „Nutzungen, die Leben bringen“ und „sich gegenseitig befruchten“ (Ingo Herzog), eine „gute Durchmischung, auch sozial“ (Beate Engeser), dazu „gute Freiräume und Räume für Begegnung“ (Amalia Besada).

Blickwinkel aus dem Laufrad bringen

Wenig hält man von der „Separierung von Bedürfnissen“, von Sondergebieten und dem Konzept des „dieses hierhin, jenes dorthin“ (Ingo Herzog), wie es in der lange Zeit wegweisenden Charta von Athen gedacht wurde. Der in diesem Leitbild verankerten städtebaulichen Trennung von Bereichen wie Arbeiten, Wohnen und Verkehr werden seit einigen Jahren vermehrt Konzepte mit hybrider Nutzung entgegengesetzt. Mit der neuen Baugebietskategorie „Urbane Gebiete“ hat die Bundesregierung den Spielraum dafür erweitert.

Keineswegs utopisch sind somit die Ideen für Teile des Industrie- und Gewerbegebiets Blasiring. Der Entwurf sieht neben einem regionalen Genossenschaftsmarkt auch die Ansiedlungen von Wohnungen und kleineren Gewerbebetrieben vor. Deren farbige und begrünte Fassaden, so heißt es in der Präsentation von Maxim Bode, „werden dem menschlichen Maßstab gerechter als monotone Strukturen baulicher Großkomplexe“.

Ob die Ideen Schubladenprojekte bleiben, das weiß im Moment noch keiner. „Wir hoffen, dass mehr daraus wird“, so Isabell Schäfer-Neudeck von fairNETZT. „Was wir gemacht haben, sollen einfach mal Denkanstöße sein“, bilanziert Ingo Herzog. „Es ging uns darum, neue Perspektiven aufzuzeigen und den Blickwinkel aus dem Laufrad zu bringen.“  Kontakt zum Zukunftsforum: zukunftsforum@fairnetzt-loerrach.de

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