Lörrach - In „Lichter der Großstadt“ verliebt sich der Tramp Charlie Chaplin in ein Blumenmädchen. In „City Lights“, dem neuen Programm der Berliner Compagnie Bodecker & Neander, wartet ein Rosenkavalier auf ein Rendezvous mit seiner Angebeteten. Eine Tragikomödie, denn sie kommt nicht, und sein Kompagnon schleppt die Frauen ab.

Tragödien, wohin man schaut

Tragödien, wohin man schaut, bei dieser doch eigentlich witzigen Szene der beiden Meisterpantomimen. Fast Dostojewskische Seelenpein hat der Spieler in dem Sketch „Moskau, Schachspiel“, wo ein erfolgsverwöhnter Schachweltmeister erst mal absahnt, dann aber von einem Kellner besiegt wird. Solche poetisch-ironischen Tragikomödien kann nur das Duo Wolfram von Bodecker und Alexander Neander. Ihr „Reisetagebuch“, das mit Koffern (und der Assistentin Christine Robert als Nummerngirl) von einer Metropole in die andere führt, ist voll von solchen menschlichen Begebenheiten, von Optimismus, Drama und auf den Punkt gebrachter Komik. Ihre stumme Pantomime, untermalt mit musikalischen Effekten und Geräuschen, haben die Mimen im Burghof diesmal vor nicht allzu großer Zuschauerkulisse präsentiert.

In allen Szenen ihres visuellen Theaters werfen sie seelisch aufwühlende Schlaglichter auf menschliche Situation. Mit einkalkuliert ist das Erstaunen des Publikums, das zweieinhalb magische Theaterstunden erlebt. Und das bei Künstlern des Schweigens!

Aber dieses Theater der Stille vereint vielerlei: Bildertheater, optische Illusion, Mimentheater, Slapstick, Körpertheater, Elemente des schwarzen Theaters und des Films. Einige der Bodecker und Neander-Klassiker, die sie jetzt wieder zeigten, kannte man schon. Es sind überhaupt ihre Topnummern, ohne die es nicht geht, leicht variiert. „Café in Lörrach“ ist ihre Glanznummer und eine artistisch-pantomimische Meisterleistung. Das Spiel der Illusion mit Paternoster und Treppe wird hier sehr geschmeidig vorgeführt, das Verschwinden und wieder Auftauchen hinter einer Wand, das Kleiner und Größer werden.

Eine ähnliche Paradenummer ist die mit der Rolltreppe, „Berlin Alexanderplatz“, eine Bahnstation. Ein digital verkabelter Halbstarker mit Walkman, Kopfhörer und Handy macht Selfies und hilft einer alten Dame mit Koffer, die etwas verwirrt am Bahnsteig steht, in den Zug. Der schönste Moment ist, wie die Hände beider sich ähneln: der Youngster klickt auf seinem iPhone, die alte Dame strickt. Wer hätte gedacht, dass beider Bewegungen die gleichen sind? So etwas kann nur das fantastische Bewegungsspiel dieser zwei Vertreter des Visuellen hervorbringen!

Weltvergessen und verträumt

Irgendwie sind sie weltvergessen und verträumt. Bodecker mit Baskenmütze und Haartolle tritt mehr mit seinen Körperbewegungen in Erscheinung, Neander mit Knautschzylinder durch sein Mienenspiel. Zusammen sind sie unschlagbar, was die Kunst der Gesten und Bewegung betrifft.

Dass sie bei diesen vielen Reiseimpressionen zwischen Moskau, Milano, Paris, London, Rio, Tokio und Hollywood nicht einmal in Klamauk verfallen, sondern stets in der feinen Komik und der surrealen Welt verbleiben, ist schon einmalig. Längst auch richtige Illusionskünstler, verzaubern sie mit Spezialeffekten, schwebenden Kisten, fliegenden Vögeln oder wie in „News Paper“ mit dem Londoner Zeitungsverkäufer mit den immer größer werdenden Zeitungsblättern.

Viel Imagination ist da mit im Spiel, eine raffinierte Bühnen- und Lichttechnik. Im zweiten Teil des Abends auch komplexere (die nicht so lustige Teezeremonie in Tokio), längere (wie die Travestienummer mit der Diva zum Bolero) und theatralische Szenen, bei der sie die Nebelmaschine anwerfen wie in der Frankenstein-Parodie („Visage“) mit dem grinsenden Gesichtsoperateur aus Rio.

Das Pantomimewunder „City Lights“ zeigt, dass den beiden Berliner Tramps bei ihrem Großstadttreiben an Bahnhöfen, in Kneipen, Opernhäusern und Cafés die Ideen nicht ausgehen.