Müllheim Eine Hommage ohne Lobhudelei

Müllheim - BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken erwies am Donnerstag bei einem Konzertabend mit Lesung in Müllheim zum Auftakt des Markgräfler Kultursommers seinem Idol Bob Dylan eine Reverenz mit viel Herzblut, bei der er dennoch nicht in eine unkritische Huldigung verfiel.

Vor Konzertbeginn erklingt Johnny Cash vom Band. Wie der Countrysänger sich hier amerikanischem Kulturgut wie Simon and Garfunkels „Bridge Over Troubled Water“ widmet, so wird es der Kölner Wolfgang Niedecken mit Bob Dylan tun.

Nicht ohne Humor, wie gleich zu Beginn deutlich wird: „Ich wechsle manchmal mitten im Stück vom Englischen ins Kölsche, das merkt keine Sau“, sagt Niedecken – und hat damit die gut 550 Besucher auf dem Markgräfler Platz von Beginn an auf seiner Seite.

Vom Englischen ins Kölsche

Zum Auftakt spielt Niedecken mit „Sinnflut“ vom BAP-Debütalbum „Wolfgang Niedecken’s BAP rockt andere kölsche Leeder“ (1979) ein Stück, bei dem er in der Manier von Dylan-Songepen wie „Desolation Row“ vor einer apokalyptischen Szenerie Protagonisten von Heino bis Franz-Josef Strauss auftreten lässt.

„Ich nehm an, ihr habt alles verstanden“, sagt er mit einem Augenzwinkern nach dem Stück, das davon handelt, wie Niedecken von einem Dasein als biblischer Noah träumt.

Das zweite Stück ist dann ein frühes Dylan-Werk: „The Times They Are a-Changin’“ von 1963 festigte den Ruf Dylans, die „Stimme einer Generation“ zu sein. Niedeckens musikalischer Begleiter Mike Herting am Piano ersetzt die Mundharmonika-Partien des Originals hier durch perlende Klavierläufe.

Mit „My Back Pages“ vom Album „Another Side of Bob Dylan“ lassen Niedecken und Herting einen Song folgen, der für den BAP-Sänger „das Hohelied der Selbsterkenntnis“ ist und den berühmt gewordenen Refrain „Ah, but I was so much older then/I’m younger than that now“ enthält. Hier wechselt Niedecken erstmals wie angekündigt vom Englischen ins Kölsche und sorgt damit für Begeisterung.

Bei „Like A Rolling Stone“ (1965), von der Musikzeitschrift Rolling Stone im Jahr 2011 auf den ersten Platz der 500 bedeutendsten Rock- und Popsongs aller Zeiten gewählt, wechselt Niedecken ebenfalls zwischen den Sprachen. „Wie künnste dir füür?“ fragt Niedecken im zornigen Refrain, dann wieder ganz originalgetreu „How does it feel?“.

Niedecken liest Passagen aus seinem Buch

Der Abend stellt zur Hälfte ein Konzert und zur Hälfte eine Lesung dar. Denn auf einer Reise von der amerikanischen Ost- an die Westküste begab sich Niedecken 2017 auf Spurensuche nach Bob Dylan: Für die fünfteilige ARTE-Reihe „Bob Dylans Amerika“ besuchte er Weggefährten des Literatur-Nobelpreisträgers und Orte, an denen er gelebt hat.

In diesem Jahr veröffentlichte Niedecken nun zu seinem eigenen 70. Geburtstag das Buch „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“, in dem er von dieser Reise und seiner ganz persönlichen Geschichte mit dem Musikerkollegen, der im Mai 80 Jahre alt wurde, erzählt.

Zwischen den Songs liest Niedecken immer wieder lange Passagen aus seinem Buch vor, die durchaus Unterhaltungswert besitzen. So verschweigt er nicht, dass der Bühnenkünstler Bob Dylan eine Wundertüte darstellt.

Niedecken selbst hat ihn bei einem Konzert mit den Heartbreakers erlebt, bei dem Dylan lustlos auf seiner Gitarre schrammelte und erst nach Minuten ansatzweise zu erahnen war, um welchen Song es sich jeweils handeln könnte.

Jeder Dylan-Auftritt ist ein Abenteuer

Wer Dylan in den Jahren vor der Corona-Pandemie bei seinen zahlreichen Auftritten in der Region erlebt hat, etwa im Jahr 2015 beim „Stimmen“-Festival auf dem Lörracher Marktplatz, wird ähnliche Erinnerungen haben. Oder, wie der Literaturkritiker Willi Winkler es formuliert: „Es bleibt jeder Auftritt ein Abenteuer. Jedes Konzert kann abstürzen, und jedes kann das beste aller Zeiten werden.“

Durch die langen gelesenen Passagen bleibt die Stimmung auf dem Markgräfler Platz entspannter als sonst bei Rockkonzerten. Der Beifall fällt durchaus frenetisch aus, aber die Besucher bleiben gesittet auf ihren Plätzen sitzen. Nach fast zweieinhalb Stunden endet die Konzert-Lesung mit Dylans „Forever Young“, und die Zuhörer haben viel Neues erfahren – über Bob Dylan wie über Wolfgang Niedecken.  

Am  Samstag, ist der Kabarettist Heinrich Del Core auf dem Markgräfler Platz in Müllheim zu sehen. Am Sonntag tritt das Elektroduo Glasperlenspiel auf. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.

Karten sind in allen Reservix-Vorverkaufsstellen wie der Müllheimer Tourist-Information oder den Geschäftsstellen unserer Zeitung erhältlich.

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