Müllheim Visionäre Künstlerin

Von Jan Merk

Müllheim. Auf dem alten Friedhof in Müllheim erinnert eine Grabplatte an Else Blankenhorn, die am 20. November 1920 mit erst 47 Jahren aufgrund einer Krebserkrankung in einem Krankenhaus am Bodensee starb. Als Tochter des Weinbauprofessors Adolph Blankenhorn ruht sie in der Familiengrabstätte.

In Müllheim und im Markgräflerland ist wenig über ihr Leben bekannt – dass sie wegen psychischer Erkrankungen in Sanatorien weilte, war vor 100 Jahren ein Tabu. In der Kunstwelt dagegen sind ihre Malereien und Zeichnungen seit vielen Jahren geschätzt. „Traumhaft visionäre Dinge“ bringe diese Malerin zur Darstellung, urteilte zum Beispiel der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner mitten im Ersten Weltkrieg fasziniert. „Die Farben sind mit einer fast unglaublichen Feinfühligkeit nebeneinander gesetzt, rein und stark, nur dem Gefühl entspringend, spotten sie jeder akademischen Lehre.“

Nur wenige Jahre war Else Blankenhorn ab 1908 bildnerisch tätig, doch ihre Werke beeindruckten die Zeitgenossen tief, die sie zu Gesicht bekamen.

Else Blankenhorn wuchs in Karlsruhe als ältestes von sechs Geschwistern in einem großbürgerlichen Haushalt auf. Verwandte waren als liberale Politiker oder in der bürgerlichen Frauenbewegung in Baden aktiv. Ihr Vater, der erste Naturwissenschaftler in der Familie, ein Weinbaupionier, gründete das erste önologische Institut Deutschlands und den Deutschen Weinbauverein.

Am Victoria-Pensionat für höhere Töchter erhielt Else Blankenhorn eine umfassende reformpädagogische, musische Ausbildung. Über die Familie, die am großherzoglichen Hof verkehrte, nahm sie am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der badischen Residenzstadt teil. Mit Kunst war sie von Kindesbeinen an vertraut, sie spielte Klavier, sang, fotografierte. Auch engagierte sie sich im Badischen Frauenverein. Reisen führten die junge Dame in die Schweiz, nach Italien und Südfrankreich.

Mit 26 Jahren verlor sie plötzlich ihre Singstimme. Auf Anraten ihres Arztes erholte sie sich von diesem „Erschöpfungszustand“ im schweizerischen Privatsanatorium „Bellevue“ in Kreuzlingen am Bodensee, wo bereits ihr Vater, der unter manisch-depressiven Verstimmungen litt, Patient war.

Nach dem Abklingen dieser „nervösen Krise“ lebte Else Blankenhorn 1902 kurzzeitig in Heidelberg, dann vor allem bei ihrer Großmutter in Müllheim im Markgräflerland – im heutigen Anwesen Graf, damals ein großes Weingut mit ausgedehnter Parkanlage. Manche floralen und landschaftlichen Motive, die sie später malen wird, finden sich hier. Als kurz nacheinander zuerst diese wichtige Bezugsperson und dann ihr Vater im Alter von erst 62 Jahren starben, kehrte sie 1906 „erregt“ wieder ins „Bellevue“ zurück.

Als Patientin erster Klasse, betreut von einer persönlichen Pflegerin, entwickelt sie in diesem „Schutzraum“ ihre eigenen Vorstellungswelten. Der geregelte Lebensstil gab ihr in ihrem fortan psychisch instabilen Zustand zugleich Halt. Sie stickte Bildteppiche, schrieb und übersetzte, wähnte sich als Gattin des Kaisers, begann zu zeichnen und zu malen – menschenscheu, meist für sich. Die Heidelberger Kunsthistorikerin Doris Noell-Rumpeltes interpretiert ihr Werk auch als „Sehnsuchtsprojekt“. Ihre künstlerische Produktion ist ungeheuer breit – technisch wie thematisch, und reicht vom „idealen Paar“ bis zu religiösen Darstellungen. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurde sie 1919 auf die Reichenau verlegt und starb ein Jahr später nach einer Tumor-Operation.

„Ich staune, welche Kräfte durch Krankheit manchmal freigelegt werden“, schrieb Kirchner 1917, auch er nach belastenden Kriegserlebnissen Patient im „Bellevue“. Die Bilder Blankenhorns beschäftigten ihn jahrelang, bewundernd und kritisch. Der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn, der damals die „Bildnerei der Geisteskranken“ untersuchte, plante eine Publikation über Blankenhorn, zu der es dann aber nie kam.

In der von ihm um 1919 begründeten Sammlung Prinzhorn in Heidelberg sind ihre rund 450 Werke jedoch bis heute aufbewahrt und weiter zu entdecken. Manche wurden in Kunstausstellungen bereits international gezeigt. In Kooperation mit der Sammlung Prinzhorn an der Universität Heidelberg, mit Leihgaben aus der Familie und mit eigenen Beständen wird auch das Markgräfler Museum Müllheim in der Herkunftsregion ihrer Familie an Else Blankenhorn erinnern – wenn die Museen nach dem lockdown wieder öffnen können.

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