Neuenburg Scharfsinnige Sicht

Weiler Zeitung, 15.12.2017 21:59 Uhr

Wer wollte das nicht auch schon mal machen: Einem Schokoladennikolaus so eine auf die rote Kappe geben, dass er nur noch so hoch ist wie seine Stiefel. Dass das auch so einem wie Jess Jochimsen Freude macht, ist tröstlich. Jochimsen braucht ein bisschen, um in die Gänge zu kommen bei seinem Auftritt vor der Markgräfler Gutedelgesellschaft, die in Neuenburg immer für ein volles Stadthaus sorgt.

Von Dorothee Philipp

Neuenburg am Rhein. In seine vorweihnachtlichen Phantasien von Spekulatius und „Leiserieseltderschnee“ grätsche ihm wieder die Politik dazwischen, mault er. Doch irgendwann merke das Volk, dass es auch ohne Regierung ganz gut läuft. Und Groko? Das ist, wie mit 30 nochmal bei den Eltern einzuziehen.

Langsam wird er warm, lässt die mit allen Wassern des Kabaretts gewaschenen Zuhörer an seiner scharfsinnigen Sicht auf die politischen Dinge teilhaben. Auch dass er die Floskeln von den „Ängsten der Leute“, die man ernst nehmen müsse, nicht mehr hören kann, findet anerkennendes Nicken. Die Weimarer Demokratie hatte nicht zu viele Feinde, aber zu wenige Freunde.

Poetische Ader und scharf geschliffene Stilistik

Sehr ausführlich lässt sich Jochimsen über das Aufreißgeräusch der Verpackungen verschiedener Weihnachtsleckereien wie Spekulatius und Dominosteine aus, hat auch welche mitgebracht, die er gönnerhaft im Publikum verteilt, während er über die „Zumutungen des Konsumismus“ philosophiert.

Jess Jochimsen ist musikalisch, er wird den Abend da und dort mit mutwilligem Quetschkommoden-Sound mit Glöckchengebimmel und am Ende mit einer Cover-Version von „Leise rieselt der Schnee“ auf der Gitarre versüßen.

Jochimsen kann erzählen, hat eine poetische Ader und eine scharf geschliffene Stilistik, die so Sätze hervorbringt wie: „Ich wurde des Tragens einer Strumpfhose genötigt“, was im zweiten Teil des Programms in einen opulent, bizarr und auch ein wenig länglich geratenen Bericht von der Krippenspielteilnahme des achtjährigen Jess Jochimsen ausartet. Man darf sich freuen über den Dackel malenden George Dabbelju Bush, der irgendwann entdeckt, dass das Hochformat für Dackelporträts eher suboptimal ist, über einen vom unverständigen Enkel Jess kaputtgerupften Teddybär, den Opa Jochimsen mit allen militärischen Ehren bestattet. Und über die Dias, die Jochimsen jeweils vor der Pause und am Programmende zeigt. Hier präsentiert er sich als sensibler Beobachter subtiler bundesdeutscher Befindlichkeiten.

„Friedhof wegen Betriebsausflug geschlossen“

Er fotografiert Stillleben der ganz besonderen Art, oft von Geschriebenem auf Hauswänden, Straßenschildern und anderen Mitteilungsträgern untermauert: „Friedhof wegen Betriebsausflug geschlossen“, „Anatolischer Heimatverein“, „Shop für Erotik und Waffen“, „Kinder-Kebab“ – man muss nicht alles verstehen, meint Jochimsen. Keins der Bilder stamme aus den neuen Bundesländern, versichert er. Das Buch, das daraus geworden ist, ist es allemal wert, eine kleine bibliophile Kostbarkeit mit jeder Menge Hintersinn.

 
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