Rheinfelden Musik ist existenziell

Kein normales Silvesterkonzert, aber dennoch wärmende Töne für angemeldete Gottesdienstbesucher will die Konzertorganistin Irmtraud Tarr zum Jahreswechsel bieten. Foto: zVg/Frey

Rheinfelden/Eichsel. „Eine Gesellschaft ohne Musik ist eine hässliche Gesellschaft.“ Die vielseitige Musikerin, Autorin von bisher 33 Büchern und Psychotherapeutin Irmtraud Tarr sagt und lebt diese Worte.

Und so ist sie glücklich, dass die schöne Tradition der Silvesterkonzerte wenigstens in Form einer musikalischen Andacht mit Orgel und Lesung in der St. Josefskirche Rheinfelden die Herzen der Menschen erfreuen kann. Um 17 Uhr wird sie dort an der Orgel spielen, unter anderem Werke von Purcell und Bach.

Ergänzend dazu liest die Schauspielerin Adelheid Schellhorn Texte zwischen Besinnlichkeit und Zuversicht, die die beiden Protagonistinnen gemeinsam auswählen wollen. Rainer Maria Rilke, Dietrich Bonhoeffer, Hilde Domin und Rose Ausländer stehen auf ihrer Wunschliste an Autoren. Dabei sollen Lesung und Musik zueinander passen und den Kirchenbesuchern Wärme, Zuversicht und Stärke vermitteln. 100 Besucher können kommen, eine Voranmeldung ist nötig, via Homepage oder telefonisch bei der St. Josefsgemeinde. Es wird eine Kollekte erhoben.

„Musik ist für die Menschen existenziell wichtig. Die Menschen brauchen Trost. Und wenn wir uns schon keinen wärmenden Händedruck, keine Umarmung geben können, sollte es wenigsten etwas Warmes für Ohren und Seele geben“, sagt Tarr. Ursprünglich war ein Silvesterkonzert mit ihrem fünfköpfigen Bläserensemble geplant. Dieses musste indes coronabedingt ausgeladen werden. Nun also eine neue, speziell auf dieses ganz spezielle Jahr 2020 abgestimmte Version, die auch für die Organistin eine emotionale Herausforderung ist.

Denn seit 1983 ist die Musikerin regelmäßig an Silvester zu hören – all die Jahre an der Seite ihres im März verstorbenen Mannes, des Trompeters Edward H. Tarr.

In Eichsel ist diese schöne Tradition entstanden, brachte in Kombination mit Kunst Bilder und Musik in den Ort. Für viele ein Muss-Termin, der bald so viele Besucher anzog, dass zwei Konzerte nacheinander gespielt werden mussten. Vor rund sechs Jahren wurde die Silvestertradition daher in die Rheinfelder Kirche St. Josef verlegt. „Viele Leute kommen sogar von weit her, aus Zürich, vom Bodensee und noch weiter“, erzählt Irmtraud Tarr.

Nur einmal seit 1983 musste sie beim Konzert passen: Das war, als sie an einem unbemerkt verschluckten Fremdkörper aus einem Lebensmittel beinahe verstorben wäre. Ein Tag, den sie nie vergessen wird. „Das Konzert haben wir dann gemeinsam im März nachgeholt.“

Nun also wird sie an Silvester, diesem emotional aufgeladenen Datum, das erste Mal ohne ihren Mann spielen. Viele Menschen haben Angst vor solchen Tagen, das kollektive Unterbewusstsein arbeitet. Und gerade in diesem so fordernden, belastenden Jahr dürfte der Jahreswechsel bei vielen sehr ambivalente Gefühle wecken.

Auch ihre eigene Gemütslage ist zwiegespalten. Stücke, die sie sonst mit ihrem Mann auf dem Programm hatte, kann sie nicht spielen. „Ich muss mich neu erfinden, muss ganz Anderes spielen. Doch die Musik hält mich.“

Sie traut sich an ganze neue, ganz große Meisterwerke heran. „Trauer gibt tatsächlich auch so etwas wie Lebenskräftigung. Sie macht zerbrechlich, aber auch stark“, sagt sie nachdenklich. Schmerz könne zu großer Kreativität führen. „Ohne Schmerz kein Bach-Oratorium, kein van Gogh.“

Gerade jetzt bräuchten die Menschen Zuversicht und Hartnäckigkeit. Dabei können Musik helfen und sensibilisieren. Dazu will sie an Silvester beitragen. Und ist sich sicher: „Mein Mann würde sagen: Tu es!“ Anmeldung online unter www.kath-rheinfelden.de, Rubrik Glaube & Leben oder Tel. 07623/72490

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