Schopfheim Abend der großen Kammermusik-Literatur

Markgräfler Tagblatt, 07.11.2017 06:51 Uhr

Von Jürgen Scharf

Schopfheim-Fahrnau. Das sensualistische, leidenschaftliche Klavierquintett von César Franck hat Andrea Kauten, die Hauspianistin und künstlerische Leiterin der Stiftungskonzerte bei „Klassik im Krafft-Areal“, 2013 schon einmal in der Tonhalle Fahrnau aufgeführt, damals mit dem Züricher Carmina Quartett.

Jetzt stand am Samstag dieses außergewöhnliche Werk wieder auf dem Programm, dieses Mal interpretiert von Kauten und dem Berliner Vogler Quartett, einer festen Größe im Musikleben. Spielen doch die Voglers seit über 30 Jahren in unveränderter Besetzung zusammen, fraglos eines der dienstältesten und renommiertesten Profi-Quartette Deutschlands, mit dem Andrea Kauten nicht zum ersten Mal auftrat.

Man wird die beiden Franck-Aufführungen nach der langen Zeit nicht mehr direkt vergleichen können, aber es gab sehr wohl Unterschiede. Das Carmina-Quartett spielte es damals, wenn wir uns richtig erinnern, quasi-sinfonisch im Klang; die Voglers mit Kauten diesmal sehr farbig, emotional und kammermusikalisch durchhörbar.

Im Vogler-Quartett mit dem Namensgeber und ersten Geiger Tim Vogler – er ist der Cousin des Cellisten Jan Vogler –, Franck Reinecke (Violine), Stefan Fehlandt (Bratsche) und Stephan Forck (Cello) spielt jeder der Vier nämlich sehr individuell; der Klang entfaltet sich dann aber in der Interaktion doch gemeinsam und wird in der Summe homogen, wenn auch die Homogenität bei diesem Ensemble nicht primär angestrebt wird.

Die sinnliche Fantasie der Musik Francks wird von ihnen und der Pianistin ebenso intensiv und schlüssig erfasst wie die Leidenschaftlichkeit der Musik. Die Modulationen und Stimmungswechsel im bewegten Kopfsatz werden voll ausgespielt, so dass Francks Ego in diesem 1879 komponierten Werk gesteigerten Ausdruck findet. Vor allem im letzten Satz („con fuoco“) fingen die Interpreten wirklich Feuer an der harmonischen Fantasie Francks.

Andrea Kauten agierte sehr leidenschaftlich am Klavier, arbeitete im Kopfsatz die typische „enharmonische“ Melodie César Francks heraus, horchte das „molto sentimento“ im lyrischen Lento-Mittelsatz gefühlvoll aus und war im Schlusssatz, mit fulminanter Spieltechnik, sehr präsent, hitzig und feurig. Die Pianistin und die Streicher zeigten also eine gute Dramaturgie von Tempo und Dynamik.

Der eher analytische, geschärfte und transparente Klang der Voglers kam im ersten Programmteil nicht nur dem Einspielwerk von Haydn (Streichquartett op. 77 Nr. 1) zugute, sondern vor allem dem kontrastreichen, siebensätzigen Streichquartett f-Moll von Schostakowitsch aus dem Jahr 1966.

Bei dieser vielleicht intimsten Musik Schostakowitschs überhaupt, einem nach innen gerichteten Werk mit seltsamen Glissandi im ersten Satz, tonmalerischen Rufen im fünften („Humoreske“) und einem etwas trostlosen Scherzo, wo das Motiv durch die einzelnen Instrumente wandert, war das perfekte Aufeinanderhören und -reagieren der Musiker von großem Vorteil.

Die Affekte und Konflikte wurden konturenscharf und rhythmisch genau ausgespielt, die Gefühle und Tiefenschichten der Musik erschlossen, die beklemmende Situation der Musik reflektiert; so beim Typus des sarkastischen Scherzos und im Finale, wo sich die Musik verliert, klagend und ersterbend verklingt. Das war erschütternd in der lyrisch bewegten Darstellung. Ein Abend großer Kammermusik-Literatur, der auch beim Publikum auf sehr viel Resonanz stieß, denn es musste kräftig nachbestuhlt werden.

 
          0