Schopfheim Die ganze Bibel im Kleinen

Markgräfler Tagblatt, 13.02.2018 22:00 Uhr

Schon in der antiken Mythologie gab es die Legende von dem Schwan, der vor seinem Tod noch singt. In der Musik wird das letzte Werk eines Komponisten als Schwanengesang bezeichnet - so auch das Opus ultimum von Heinrich Schütz.

Von Jürgen Scharf

Schopfheim . Darin hat der „Vater der deutschen Musik“ den ellenlangen 119. Psalm in elf Motetten vertont: ein Spätwerk, das lange Zeit verschollen war und erst in den 1980er Jahren wiederentdeckt wurde. Seither wird das sakrale Hauptwerk von Schütz von den Chören gepflegt, wie in der Reihe „Kirchenmusik in Schopfheim“ in der gut zur Hälfte besetzten Stadtkirche von der Evangelischen Studentenkantorei Freiburg, die zum wiederholten Male hier auftrat.

Es ist ein monumentales Chorwerk, auf das sich die Ausführenden und Zuhörer in den anderthalb Stunden einlassen. Für unsere heutige Ohren ist diese geistliche Werk von 1671 am Übergang von der Renaissance zum Frühbarock eine ziemlich entfernte Musik. Schütz ist nicht Bach, und doch wurde er schon als „der größte deutsche Deklamator zwischen Luther und Bach“ bezeichnet, auch als der größte deutsche Musikdramatiker überhaupt.

In diesem Abgesang hat der deutsche Orpheus am Ende seines langen Lebens den kompletten Psalmtext vertont, nicht auf Latein, sondern auf Deutsch: Dieser „Schwanengesang“ ist die ganze Bibel im Kleinen.

Da haben die Interpreten hohe musikalische Ansprüche zu befriedigen, von den liturgisch einstimmigen Intonationen zu Beginn, die noch sehr klösterlich wirken, über die Motiv-Kontraste bis zu dem mehr emotionalen Anhang des jubelnden 100. Psalms („Jauchzet dem Herrn, alle Welt“) und des Deutschen Magnificats.

Da war es eine gute Entscheidung, dass Chorleiter Florian Cramer sich für begleitende Instrumente entschieden hat, denn das steht in der Wiedergabe frei. Aber es ist schlüssig und eine willkommene Farbgebung, die Begleitung des Chorgesangs durch die Capella friburgensis.

Die erfahrenen Musiker der Alten-Musik-Bewegung mischten sich mit ihren warm klingenden historischen Instrumenten wie Zink, Gambe, Posaune, Dulzian und Laute und Orgel-Continuo sehr gut mit dem vokalen Klang.

Zufrieden konnte man auch mit der Chor- und Solistenbesetzung sein, den acht Stimmen des Basler Vokalensembles Voces suaves und den beiden Kapellchören der Studentenkantorei, die die Chorsolisten recht homogen im Ausdruck ergänzten. Somit war der vokale Bereich in diesen mehrchörigen Motetten zufriedenstellend, wurde doch ungezwungen, mit Hingabe gesungen und der Text verkündet.

An wenigen Stellen wie „Ich bin entbrannt über die Gottlosen“ (Nr.4) und „Ich hasse die Flattergeister“ (Nr. 8) wirkte dieses ausgedehnte Sakralwerk sehr rhetorisch in der impetuoseren Darstellung, war wirkliche dramatische Klangrede.

Auch der Lobpreis und der Mariengesang im Anhang hatten mehr Affekt und Verzierung. Gleichwohl war das Gesamtwerk eine Kraftanstrengung für Interpreten wie Zuhörer. Aber man musste den engagierten Ausführenden dankbar sein, nicht nur protestantischem Kirchengesang zugehört zu haben.

 
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