Vor Thomas Gsell steht eine Apfelschorle, er sitzt in der „Sonne“ und wartet auf interessierte Bürger. Die Altstadt, das ist sein Zuhause, hier kennt ihn jeder, es ist ein Heimspiel. Und es ist die Gelegenheit für einen Bürgermeisterkandidaten-Check.

Von Petra Martin

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Schopfheim. Keine Frage: Thomas Gsell kann mit seinem Heimvorteil punkten. „Ich komme aus Schopfheim, ich bin ein Schopfheimer“, sagt er. „Das ist mein Pfund“. Denn Gsell ist einer, der sich nicht temporär politisch engagiert, keiner, der sich ausschließlich für eine einzige Sache einsetzt und sich dann wieder von der Politik abwendet. Er ist seit 14 Jahren im Gemeinderat und hat als Bürgermeister-Stellvertreter weitere Erfahrung gesammelt. Also alles gut?

Thomas Gsell schüttelt den Kopf. Er weiß, dass genau das, nämlich schon lange in die Entscheidungsprozesse der Stadt involviert zu sein, auch ein Nachteil sein kann. „Die Bürgermeister, die wir in den vergangenen Jahren hatten, kamen von auswärts“, räumt er mit Verweis auf Klaus Fleck und Christof Nitz ein.

Das hält ihn, der in der Innenstadt aufgewachsen ist, aber nicht davon ab, weiter für sein Ziel einzustehen: Gsell wird von der Verbundenheit zu dieser Stadt getragen. „Ich will darstellen, dass mir Schopfheim am Herzen liegt. Jeder, der mich kennt, weiß, dass das keine Floskel ist.“

Der Wahlkampf ist hart. Noch nie gab es in der Markgrafenstadt so viele einzelne Kandidatenvorstellungen. Ein Verein nach dem anderen lädt die Bewerber ein, und schließlich steht noch die große Runde in der Stadthalle an. Das hat zur Folge, dass Thomas Gsell auch mal einen Termin absagen muss, etwa, wenn ihn ein Verein bittet, an einem Tag zu kommen, an dem er als Stadtrat an einer Sitzung im Rathaus teilnehmen muss. Dann vereinbart er einen neuen Termin.

„Den Leuten in den Ortsteilen brennt vieles auf den Nägeln, ob das in Langenau die Verkehrsberuhigung ist, in Eichen das alte Rathaus oder in Gersbach der Tourismus.“ Und alle Bürger seien interessiert an den Themen Campus(-finanzierung), Kindergärten, Wohnungsbau und Ärzteversorgung.

Die Vielzahl der Termine stehe in keinem Vergleich zum Wahlkampf vor acht Jahren. Damals unternahm Gsell seinen ersten Anlauf, Bürgermeister seiner Heimatstadt zu werden. Er schaffte es nicht, Christof Nitz wurde wiedergewählt.

Gsell steckte ein, gab aber nicht auf, zeigte Engagement in der SPD-Fraktion, für die er am Ratstisch um gute Lösungen ringt. Für ihn war es

Wahlkampf so hart wie noch nie

nur konsequent, sich als erster der Kandidaten zu erklären und seinen Hut in den Ring zu werfen – noch bevor Nitz seine Entscheidung, nicht mehr anzutreten, bekanntmachte. „Ich wollte Flagge zeigen“, sagt er. Dass mittlerweile noch fünf andere Bewerber am Start sind, findet er gut. Jeder Bewerber stehe für einen anderen Bereich. „Die Durchmischung ist gut“, so Thomas Gsell. „Jetzt haben die Leute eine echte Wahl.“

Seine Strategie – mit dem Wort mag sich Gsell nicht so recht anfreunden – will er deshalb aber nicht ändern. Er sei schon lange hier dabei, engagiere sich in Vereinen und bei der Fasnacht. „Das versuche ich authentisch rüberzubringen.“ Er wolle sich nicht verbiegen, sich angesichts der Kandidatenlage

Die Stadt im Konsens vorwärts bringen

nicht von den Vorstellungen davon, wie er das Amt ausüben will, verabschieden. „Auch dann nicht, wenn es Stimmen kostet“, sagt er.

Negative Rückmeldungen auf seine Kandidatur habe er bislang nicht erhalten, verneint Thomas Gsell. Im Gegenteil: „Hoffentlich klappt’s jetzt“ heiße es – auch von Menschen, die ihn nicht kennen.

Wenn’s denn klappen sollte, wie will Gsell den politischen Wechsel vom Stadtrat auf die gegenüberliegende Seite des Ratstischs gestalten? Auf der Verwaltungsbank zu sitzen, sei für ihn nichts Neues, entgegnet er. Thomas Gsell hat als Bürgermeister-Stellvertreter schon Sitzungen geleitet. Er wisse, dass auf ihn Opposition zukommen könnte, vielleicht sogar aus der eigenen Fraktion, und dass er die Verwaltungsseite – bisweilen die unpopuläre Seite des Jobs – repräsentieren müsste.

Aber das – das politische Aneinanderreiben – ist er gewohnt. „Wir sind in der SPD auch nicht immer einer Meinung. Es herrscht ja nur selten Fraktionszwang.“

Thomas Gsell sagt, er kenne das von seinem Beruf her. Einerseits sei er Polizist, dann auch wieder Personalvorstand. „Ohne Mehrheiten geht nix“, weiß er. Exakt hier komme ihm seine Unabhängigkeit zugute. Zwar gehöre er der SPD-Fraktion an, aber als Parteiloser könne er auch mal sagen, dass deren Vorstellungen auch nicht immer das Gelbe vom Ei seien; auch von anderen Fraktionen kämen gute Vorschläge. „Ich will die Stadt vorwärts bringen“, sagt er. „Und zwar im Konsens.“

Die Menschen mitnehmen, Überzeugungsarbeit leisten, das ist sein Ding und kommt aus dem Innersten. Das gilt auch für seine eigenen Vorstellungen für die Innenstadt mit einem autofreien Marktplatz und einem Parkdeck am Bahnhof. Nur: „Wenn man den Marktplatz autofrei macht, muss man ihn auch beleben.“ Deshalb, so seine Idee, könnten Teile der Stadtverwaltung rund um den Platz aus-, Geschäfte und Gaststätten einziehen. „Warum nicht mal durchrechnen, was es kostet, einen Großteil der Verwaltung zum Beispiel im zentralen, neuen Kohlegässchen-Quartier anzusiedeln?“

Angesichts der sechs Kandidaten weiß Gsell, dass es jetzt „echt spannend“ wird. Und dass er abermals scheitern kann. Thomas Gsell wünscht sich eine hohe Wahlbeteiligung. „Mindestens 60 Prozent“, wie er inständig hofft.

Er weiß, dass alle mit einem zweiten Wahlgang rechnen. „Es kommt, wie es kommt. Das ist meine Einstellung.“ Wenn’s nicht klappt, will er sein politisches

Ausgang der Wahl „echt spannend“

Engagement aber nicht einstellen. Das hat er seiner Fraktion versprechen müssen.

Von der politischen Bühne verschwinden – das geht auch gar nicht bei einem, der weiterhin in der Altstadt sein Zuhause hat.