Schopfheim Fotokunst und Kassenschlager

Schopfheim - Dass sein Ansichtskartenverlag in diesem Jahr sein 90-jähriges Bestehen feiert, daran muss man Jürgen Neumann erst einmal erinnern. Das Jubiläum ist ihm nicht so wichtig, und es wird auch nicht gefeiert. Das liegt auch daran, dass der Schopfheimer bei der Gründung des Verlags noch nicht geboren war.

Sein Vater brachte 1930 seine erste Ansichtskarte auf den Markt. Er lebte mit seiner Familie in Eberswalde, in dessen Nähe der Werbellinsee liegt, das Naherholungsgebiet der Berliner.

Die erste Karte zeigte also den Werbellinsee. Sie wurde zum Kassenschlager, was Neumann dazu veranlasste, weitere Sehenswürdigkeiten der Region zu fotografieren und sie auf Ansichtskarten zu bannen. Am besten liefen die Karten, die das Zisterzienser-Kloster Chorin zeigen, ein altes Gemäuer in Altenhof und das damals weltgrößte Schiffshebewerk Niederfinow, das, wäre es zerstört worden, den Oderbruch überschwemmt hätte.

Vom Negativ zum Positiv

Um einen solchen Ansichtskartenverlag zu führen, brauchte man damals noch ein Labor, denn es gab 1930 weder digitale Fotokameras noch Computer. Nachdem die Sehenswürdigkeit auf der Emulsionsschicht der Glasplatte „festgehalten“ war, ging es ins Labor, um sie zu entwickeln. Diese wurde dann auf einen Kopierer gelegt, um ein Positivbild auf Fotopapier zu erhalten. Bei einer Auflage von 1000 Stück wurde dieses Verfahren tausend Mal durchgeführt. „

Groß waren die Auflagen nie, denn es herrschte in der DDR Mangel an Fotopapier“, erinnert sich Jürgen Neumann. 1954 trat er in das Geschäft seines Vaters in Eberswalde ein, der zeitweilig bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigte.

Flucht in den Westen

Ende der fünfziger Jahre floh die Familie in den Westen und kam zunächst bei Verwandten am Bodensee unter. In Lörrach fand Neumann dann ein kleines Ladengeschäft, wo er seine Dienstleistungen rund um die Standbildfotografie anbieten konnte.

Die Neumanns waren Foto-Allrounder. Sie verkauften Kameras, führten ein Foto-Atelier, machten aber auch technische Aufnahmen für große Unternehmen aus der Region wie Suchard oder Endress + Hauser. Ihr Slogan lautete „Geh’ doch zuerst zu Foto Neumann.“

Für Endress + Hauser fuhren sie in die Schweiz, um Messgeräte zu fotografieren. Und sie gestalteten handliche Prospekte für Hotels und Gaststätten und produzierten weiter Ansichtskarten - nur diesmal mit Motiven aus dem südlichen Schwarzwald.

Fünf Jahre arbeitete Jürgen Neumann dann bei Foto- Quelle in Nürnberg, wo er es bis zum Geschäftsstellenleiter brachte und beinahe geblieben wäre.

Arbeit bei der Kripo

Das Geschäft war inzwischen schwierig geworden. Jürgen Neumann entschied sich daher, die Ansichtskarten-Produktion mitsamt Vertrieb nur nach als Nebenerwerb zu betreiben und arbeitete von 1975 bis 2001 bei der Kriminalpolizei in Lörrach, wo er im Erkennungsdienst eingesetzt wurde. Und auch dort konnte er seine Fotokenntnisse gewinnbringend einsetzen, wenn es darum ging, einen Tatort zu fotografieren.

Die Zukunft

Im Ruhestand widmet er sich ganz seinem Verlag, fährt bis nach Titisee-Neustadt und in umgekehrter Richtung bis fast nach Freiburg, um Aufnahmen zu machen. Er bearbeitet die Bilder dann mit einem professionellen Programm, um störende Fahrzeuge und Passanten aus dem Bild zu entfernen und stürzende Linien gerade zu rücken und stellt eine Bildcollage zusammen, die auch meistens noch einen Stadtslogan beinhaltet. Auf der Ansichtskarte, auf der das Interieur des Hebelhauses abgebildet ist, liest man beispielsweise den Spruch „Ne freudig Stündli isch’s nit e Fündli?“.

Der Verkauf der Ansichtskarten geht zurück, allerdings warnt Neumann davor, die Ansichtskarte, die meist an Verwandte geschickt wird, für tot zu erklären. „Es gibt immer noch genügend Käufer, aber nicht mehr so viele Geschäfte, die Postkarten verkaufen“, sagt der 83-Jährige, der seit 1974 in Schopfheim wohnt.

Besser als die Karten mit Schopfheimer Sehenswürdigkeiten verkaufen sich die Karten mit den Motiven der Todtnauer Wasserfälle und der Kirche in Todtnau, weil sich dort mehr Touristen tummeln. „Und Einzelbildkarten sind künstlerisch wertvoller, aber im Verkauf nicht so lukrativ wie eine Mehrbildkarte, die viele touristische Highlights zeigt“, sagt Jürgen Neumann. Sein Schrank im Arbeitszimmer ist gefüllt mit Kartons voller Karten. Ehe er sich wieder auf den Weg macht, um neue Bilder für seine Ansichtskarten zu machen, will er die erst einmal verkaufen.

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