Schopfheim Gefühlvolle Töne und handwerkliche Perfektion

Jürgen Scharf
Der Pianist Boris Chnaider machte eine ansprechende Zeitreise durch jüdische Musikkultur Foto:  

Der Klavierabend von Boris Chnaider mit Musik jüdischer Komponisten war der Abschluss des Programms der Initiative Stolpersteine Wiesental.

Ein ganz ungewöhnlicher Klavierkünstler: Boris Chnaider ist ein singender Pianist. Und so war sein Programm mit Musik schon etwas sehr Spezielles.

In der Ukraine geboren und in Russland aufgewachsen, lebt Chnaider seit 30 Jahren in Basel und ist vor einigen Jahren in den Gesang eingestiegen. Da er nicht als Sänger frontal vor das Publikum tritt, sondern am Klavier sitzend und spielend mitsingt, ergibt sich akustisch eine andere Situation. So wurde man am Freitagabend im voll besetzten katholischen Gemeindehaus an Schubertiaden oder Hauskonzerte erinnert.

Eine Premiere

Chnaiders Recital war eine emotionale „Reise durch Zeit und Raum“, gleichzeitig eine Premiere, denn er hat das Programm in dieser Zusammensetzung in Schopfheim zum ersten Mal dargeboten.

Eine andere Spezialität des Musikers ist das moderierte Konzert. Teilweise waren die Einführungen sogar sehr persönlich. Der Pianist gab einen musikgeschichtlichen Abriss von Mendelssohn bis zu einem zeitgenössischen Komponisten, der sich musikalisch mit dem Holocaust beschäftigt hat.

Lieder ohne Worte

Wenn man über jüdische Komponisten spreche, so Chnaider in seiner Ansage, komme man an Mendelssohn nicht vorbei. Er hat das Genre der „Lieder ohne Worte“ gegründet. Drei davon stellte Chnaider neben zwei weiteren Liedern nach Texten von Heine vor. Schon die rein instrumentalen Lieder zeigten die Qualitäten seines Klavierspiels, eine unverkrampfte Art bei der Melodik, eine plastische Gestaltung, ein Geradeausspielen. Alles fließt, der Ton ist klar und hat Prägnanz. Das war öfter zu hören, besonders in den Soloklavierwerken ohne Gesang. So in den zwei Klavierstücken („Stimme des Abends“ und „Liebe“) von Alexander von Zemlinsky nach Gedichten von Richard Dehmel, dessen jüdische Frau sich der Deportation durch Suizid entzog. Zemlinsky selbst emigrierte 1938 in die USA. Es waren zwei schöne Miniaturen, in denen Boris Chnaider Zemlinskys poetische Tonsprache einfühlsam einfangen konnte.

Engagierte Interpretation

Gefühlvolle Töne entlockte er dem Flügel im Wiegenlied von Ilse Weber, der tschechischen Dichterin und Märchenschreiberin, einer vielseitig begabten Frau, die in Auschwitz ermordet wurde und von der nur wenige Lieder erhalten sind. Auch Viktor Ullmann, ein großer deutsch-jüdischer Komponist, wurde in den Gaskammern im KZ Auschwitz ermordet. Dass Ullmanns Musik eine eigene emotionelle Sprache spricht, machte Chnaider mit seiner engagierten und zupackenden Interpretation der Serenade aus der fünften Klaviersonate deutlich. Dieser Satz war sicher das anspruchsvollste Stück, dem aber von den manuellen Anforderungen her gleich Alexander Levkovichs Wiegenlied auf den Fersen folgte. Dieses „Lullaby“ aus dem Klaviertrio „The Holocaust“ hat der ukrainische Komponist jüdischer Herkunft für Boris Chnaider vor einem Jahr eigens arrangiert. Die Vocalise, zu der er auch die Melodiestimme sang, stellte Chnaider zum ersten Mal öffentlich vor. Dass er auch ein Lied von Fanny Hensel und ein Operettenlied aus „Gräfin Mariza“ von Emmerich Kálmán im Programm hatte, bereicherte diesen Themenabend. Als Überraschung spielte er auch den Donauwalzer von Johann Strauß, was er mit dem historischen Hinweis auf eine „geheime Reichssache“ erklärte: Wie erst viel später herauskam, hat die Gestapo die jüdischstämmige Musikerfamilie Strauß kurzerhand arisiert.

Überzeugt auch mit Gesang

Mit seinem sensiblen Klangsinn und seiner handwerklichen Perfektion bot der singende Pianist ansprechende Interpretationen. Als sein eigener Gesangspartner überzeugte er mit einem anrührenden und sehr natürlichen Vortrag. Aber fraglos ging von der pianistischen Seite der künstlerische Impetus aus.

Dass der Grotrian-Steinweg-Flügel nicht frisch gestimmt war, fiel bei diesem Konzert, das ein hohes intellektuelles Potenzial hatte, indes nicht ins Gewicht.

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