Schopfheim Kinder-Rucksack voller Misserfolge

Kinder brauchen das Gefühl des Gelingens: Landtagsabgeordneter Rainer Stickelberger (links) mit den Leitern der Michael-Gemeinschaft. Foto: Christiane Cyperrek Foto: Markgräfler Tagblatt

Schopfheim-Raitbach - Beeindruckt vom Konzept und dem Engagement zeigte sich der SPD-Landtagsabgeordnete Rainer Stickelberger bei seinem Besuch von zwei Einrichtungen der Michael-Gemeinschaft, der Kaspar-Hauser-Schule (KHS) in Raitbach sowie der vollstationären Unterbringung auf der Schweigmatt.

„Als Jugendhilfeeinrichtung sind wir in den letzten zehn bis 15 Jahren stark gewachsen und mittlerweile ein ’Vollsortimenter’ mit rund 100 Angestellten an mehreren Standorten. Schule, Heim, Inobhutnahme und betreutes Jugendwohnen sind dabei die Hauptstandbeine“, informierte der leitende Geschäftsführer der Einrichtung, Falk Stein, den Abgeordneten, der die KHS anlässlich des landesweiten „Tags der Freien Schulen“ besuchte.

Bei dichtem Nebel ließ sich die idyllische Lage beider Einrichtungen nur erahnen. Die naturnahe Lage fernab städtischer Lebenswelten habe, so Stein, viele Vorteile. Dafür müsse aber ein regelmäßiger interner Shuttlebus die Anbindung an den Bahnhof in Hausen sicherstellen.

Die sehr kleinen Klassen an der Stammschule ermöglichen die nötige intensive Förderung. „Die Kinder kommen alle mit einem Rucksack an persönlichen Themen und mit beschädigenden Erfahrungen von Misslingen in allgemeinen Schulen. Die kleinen Persönlichkeiten brauchen die Erfahrung von Schule als einem sicheren Ort mit sie stärkenden Gelingenserfahrungen“, erläuterte Borchert-Wilke die Herausforderungen.

„An unserer besonderen Schule gehen besondere Lehrer mit besonderen Kindern besondere Wege.“ Das ist der Anspruch, für den der Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg für die Schule für Erziehungshilfe von 2010 die Grundlage legt. Die hier benannten im Vordergrund stehenden Bildungsbereiche sind: „Identität und Selbststeuerung, Alltagsbewältigung, Umgang mit anderen, Leben in der Gesellschaft, Arbeit sowie Anforderungen und Lernen. Daneben gilt wie an allgemeinen Schulen der Bildungsplan von 2016. Insofern können alle Schüler mit einem Maß an besonderer Zuwendung auch an der KHS Bildungsziele erreichen, die eine Rückschulung an eine allgemeine Schule ermöglichen oder auch einen Hauptschulabschluss an der Stammschule, wie zum Beispiel drei Absolventen im vergangenen Schuljahr.

Darüber hinaus unterhält die KHS an der Gemeinschaftsschule Oberes Wiesental an den Standorten Todtnau und Schönau zwei Kooperative Organisationsformen (frühere Bezeichnung „Außenklassen“) und beschäftigt dort zwei Lehrerinnen, die zwölf Schüler mit einem sonderpädagogisch begutachteten Förderbedarf und schulamtlich festgestellten Bildungsanspruch kooperativ inklusiv begleiten.

Die Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt Lörrach und den Sozialen Diensten des Landratsamtes Lörrach bewertet Borchert-Wilke als „hervorragend“. Nur in Absprache mit diesen beiden Ämtern würden überhaupt Schüler aufgenommen, Eltern selbst könnten ihre Kinder nicht direkt anmelden. Bestens vernetzt sei man auch mit anderen Schulen und Hilfeeinrichtungen.

„Von den guten Kooperationen und der Vernetzung profitiert auch die vollstationäre Unterbringung auf der Schweigmatt“, bestätigte Heimleiterin Silke Chalk. Der Bedarf an Plätzen in Schule wie Heim ist jedoch wesentlich höher, erfuhr Stickelberger auf Nachfrage. Längst nicht allen Aufnahmeanfragen für Schule und Heim kann nachgekommen werden. Der anhaltende Fachkräftemangel sowohl im sozialpädagogischen als auch im sonderpädagogischen Bereich stellt die Jugendhilfeeinrichtung immer wieder vor eine schwierige Ressourcen-Frage.

Daneben stellt sich auch das Problem der Raumkapazitäten und der Finanzierung. „Die Kosten für die Immobilien können Sie nicht erwirtschaften“, hielt Stickelberger fest. Man überlege daher, so Stein, künftig nur als Betreiber zu fungieren. „Der erhebliche finanzielle und administrative Aufwand und der außerordentlich hohe persönliche Einsatz in der alltäglichen pädagogischen Begleitung jedes Kindes und jedes Jugendlichen hier lohnt sich und ist ohne Alternative für unsere Gesellschaft“, schloss Stickelberger. „Zudem würde jede spätere Hilfe noch deutlich mehr kosten. Je früher die Hilfen ankommen, umso besser.“

Die KHS ist ein „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit dem Förderschwerpunkt der emotionalen und sozialen Entwicklung“ (bis 2016 bekannt als „Schule für Erziehungshilfe“), heißt es in einer Pressemitteilung Stickelbergers.

Die KHS ist eine staatlich anerkannte Schule in privater Trägerschaft und neben der Tüllinger Höhe in Lörrach eine von zwei solcher Schulen in Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis Lörrach.

Das Herz der Schule ist die Stammschule in Raitbach in einem alten Bauernhaus. Im Profil der Schule spielen die ländliche Umgebung, die Schulpferde, der Bachlauf durch die schuleigenen Streuobstwiesen, der Spielplatz mit Feuerstelle, die Bienen und der unmittelbar angrenzende Wald eine bedeutsame Rolle. Sie bieten umfassende Möglichkeiten zur unterrichtlichen Nutzung.

Es werden etwa 50 Schülerinnen und Schüler ganztägig im Hinblick auf ihre individuellen Bildungs- und Entwicklungsziele gefördert. Nach dem Unterricht erfahren die jungen Menschen nachmittags nicht lediglich eine Betreuung, sondern eine gezielte soziale Förderung durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Sozialpädagogischen Gruppenarbeit.

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