Schopfheim Kleinkunstkeller erwacht aus Dornröschenschlaf

Schopfheim - Sehr glücklich, dass nach 15 Monaten absolutem Stillstand in der Kultur der Museumskeller wieder belebt werden kann, zeigte sich Bürgermeister Dirk Harscher bei der Auftaktveranstaltung zu „Neustart Kultur“. Mit der Literaturreihe - geplant sind fünf Doppellesungen - erwachte der lange verwaiste Kleinkunstkeller aus seinem pandemiebedingten Dornröschenschlaf.

Ähnlich wie Harscher, der meinte, es fehle an Kultur, an Veranstaltungen, bei denen Menschen zusammenkommen, äußerte sich auch Moderator Volker Habermaier.

Kultur sei auf Begegnung angelegt, sagte er, und das Musizieren, Singen, Tanzen, Malen, Schreiben, Lesen, Hören gehöre zu den „grundlegenden Lebensäußerungen“. Die Politik habe das zwar nicht sofort, aber jetzt doch begriffen und ein Rettungsprogramm für den Kulturbetrieb aufgelegt: „Etwas davon hat auch Schopfheim erreicht“, so der Germanist, Historiker, Schulleiter und Präsident des Hebelbundes Lörrach.

Unnachahmlich, wie Habermaier die beiden Künstler vorstellte: den Lyriker Markus Manfred Jung, dessen Texte sich gegen die „Sprachvermüllung von heute“ richten würden, und den Liedermacher Uli Führe („Verfasser alemannischer Ohrwürmer“). Beide hätten sich immer wieder mit Johann Peter Hebel, dem großen Ahnen, beschäftigt. Wie sie Hebel weiterdenken und weiterschreiben, war an diesem Abend zu hören.

Der gebürtige Lörracher Uli Führe, Schulmusiker, Komponist und Liedermacher, trug einige seiner Hebel-Vertonungen vor, worunter sich das Gedicht „Trost“ - in dem es sinngemäß heißt, dass nach einer „bösi Zit“ auch wieder bessere Tage kommen - als besonders zeitgemäß erwies. Wie tröstlich!

Führes Vertonungen von Texten anderer Mundartdichter sind genauso hinreißend wie seine eigenen alemannischen Lieder. Das besinnlich zurückblickende „In de Mame ihre Socke“ oder die naturpoetische „Waldkathedrale“ zwischen Stille, Holz und Harz, zeigen ihn als einen ebenso „knitzen“ wie nachdenklichen Alltagspoeten.

Zusammen mit dem Lörracher Mundartdichter Manfred Marquardt hat Führe 1981 selbst noch zwei Auftritte gehabt. Und bis zum heutigen Tag spürt man die Kraft von Marquardts Texten („Mängmol“). Daneben machte das launige Gedicht „Muul uff“ des Stuttgarter Mundartdichters Helmut Pfisterer, original in der „Weltsprache schwäbisch“ und von Führe auf Alemannisch „übersetzt“, viel Spaß.

Dem unkonventionellen Schweizer Troubadour Mani Matter erweist Führe schönste Reverenz mit dessen lakonischem Lied „Dr Eskimo“ (in durchgängigem O-Reim) über einen armen Eskimo, der „trury isch um’s läbä cho.“

Dass der Musiker gelegentlich zur kleinen Ukele greift, kommentierte er hintersinnig als Sparmaßnahme, da er als Künstler ja seit anderthalb Jahren vom „Sparkässli“ leben müsse.

Markus Manfred Jung machte seinerseits eine Hommage an den verehrten und bewunderten Manfred Marquardt, indem er einige von dessen Gedichten vorlas und eines, das er ihm gewidmet hat. Mit etwas Kuriosem, einem Hebelgedicht auf plattdeutsch, lockerte er den Hebel-Block auf.

Interessant war der Vergleich beim Sprachklang zwischen alemannisch und hochdeutsch in zwei Gedichten Jungs aus dem Buch „Schluchten von Licht“, die man dann in der Vertonung von Führe hören konnte.

Im zweiten Teil durfte der im Wiesental lebende Autor die wegen Corona ausgefallene Buchpremiere seines Glossenbandes „Wenn i e Rebschtock wär“ nachholen. Wegen der Lokalität wählte er humorvoll-hintergründige Schopfheimer Geschichten aus, die im Städtli oder zwischen Langenau und Enken­stein spielen. Das entlockte den Zuhörern schon von der vertrauten Örtlichkeit her ein Schmunzeln, war aber besonders durch den Klang und die Kraft seiner Mundart ein Ereignis.

Also ein gelungener kultureller „Neustart“ mit einer dichten Doppellesung, bei der eigentlich dann doch mehr Dichter „anwesend“ waren – zumindest geistig.

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