Schopfheim Statements gegen die Schnelllebigkeit

Markgräfler Tagblatt, 14.06.2018 15:32 Uhr

Von Jürgen Scharf

Schopfheim. Hektisches Leben, das ist die Lebensrealität vieler Menschen. Mit dem Motto „Stilles Leben“ setzt die Ausstellung in der Kulturfabrik Schopfheim ganz bewusst einen Kontrapunkt zur heutigen schnelllebigen Zeit. 13 Künstler aus der Raumschaft wurden gefragt, was für eine Beziehung sie zu stillem Leben haben, und das Ergebnis sieht man in dieser Themenausstellung, die von Marga Golz, Elena Romanzin und Frank von Düsterlho organisiert wurde.

Steine sind still, auch ein stummer Diener ist ein ruhiges Objekt. Ebenso strahlt die Liegende im Grünen, das Titelbild, Ruhe aus. Heutige Menschen sehnen sich nach Entschleunigung. Aber auch eigentlich stille Dinge wie Steine haben etwas erlebt, Wind, Wasser, Wetter, um in diesen Zustand zu kommen. Viele Dinge erzählen Geschichten, und das sieht man in der Sammelschau.

Da kann man gleich bei Marga Golz anfangen, die eine Serie mit Zuckerdosen gemalt hat. Man könnte sie betiteln: Aus dem Leben einer Zuckerdose. Es sind surreal verspielte Stillleben, eine chinesische, eine königliche Dose, eine im Stil der 70er-Jahre oder der Nierentisch-Ära, der Romantik oder folkloristisch im Dekor – alle gesehen auf Flohmärkten. In den acht Porzellangefäßen kann man viel lesen.

So geht es einem auch in den anderen Arbeiten der Künstler, die alle vom Gegenständlichen herkommen. Ganz markant abzulesen bei Elena Romanzin. Von ihr stammt die Serie mit den Steinen, symbolische Bilder, die nicht nur das Meer, sondern auch die Vergänglichkeit symbolisieren: eine Hommage an die Natur und den Menschen. Romanzin ist ähnlich wie Golz eine jener Malerinnen, die Alltagsobjekte und banale Gebrauchsgegenstände zu Ikonen erheben. Ein Telefon mit Wählscheibe, die Tastatur einer alten Schreibmaschine, Türklopfer, Salzstreuer, Kaffeemaschine und Besteck zwischen Vintage und Moderne, ausschnitthaft in eine größere Dimension gebracht, um den kleinen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken.

Ein Glas, eine kupferne Schale, ein aufgeschnittener Granatapfel, Trauben, Gläser und Früchte malt Patrick Gall genauso, wie man sich ein „klassisches“, um nicht zu sagen altmeisterliches Stillleben vorstellt. Die Dinge erscheinen so real, als würden sie jeden Moment aus dem Gemälde treten; die Gegenstände leuchten, funkeln, „Katzenaugeneffekt“ wird das genannt.

Da kann man Zeit verbringen

Ganz neue Sparten wie die Fotografie kommen zum Stillleben dazu, jenem ältesten Genre der Kunstgeschichte überhaupt. Petra Böttchers fotografische Szenen werden der inszenierten Fotografie zugeordnet. Es sind mehrfach belichtete Naturlandschaften, Traumbilder, Arbeiten zum Thema Zeit, märchenhaft, surreal, obwohl es doch Dünengras ist.

Die Themenschau setzt das Wortspiel „Stilles Leben“ aber nicht nur mit Stillleben gleich. Erweitert wird das Spektrum durch Skulptur und Installation. Heike Mages zeigt neben Filigran-Keramischem eine Installation mit toten Bienen als Trauerarbeit. Eine keramische Bodeninstallation von Monika Grether lässt an Erdkörper denken. Textile Werke von Brigitte Rosenthal greifen das uralte Filzen auf und zeigen das Gestalten mit Wolle.

Eine figürliche Ausnahme sind die nach Modell gearbeiteten, sitzenden und stehenden Tonfiguren von Günter Ruf, die durch meditative Posen der still dasitzenden Gestalten einen Bezug zum Thema darstellen. Konzentration und Stille liegen für Ellen Mosbacher in der Abstraktion, in monochromen Leinwänden mit teils durchbrochenen Oberflächen und zerschnittenen Leinwandfäden. Kleine Erscheinungen der Natur wie Vögel, Insekten und Pflanzen fokussiert Sigrid Schaub, wobei sie sich in diesen feinen Aquarellzeichnungen und Digitalprints in der Rolle der Naturbeobachterin sieht und mit Leonardo da Vinci konform geht, dass „kleine Dinge den Geist konzentrieren“.

Von Insa Hoffmann, die sich eigentlich im Realismus und Naturalismus verortet, hängen zwei große abstrakte Arbeiten in der Schau. Sie korrespondieren mit Urs Peter Twellmanns Holzskulpturen in Land Art mit ihren sichtbaren Sägespuren, Einschnitten und Durchbrüchen. Zudem läuft eine Diashow aus 160 Werkfotos von Twellmann.

Da eine Vernissage ja genau das Gegenteil von Stille ist, sollte der interessierte Besucher wiederkommen, um die Werke in Ruhe anzuschauen. Auch jenes große Gemälde an der Stirnwand von Wladimir Fuchs, das eine Art Suchbild ist. Denn in dieser fantastisch-realistischen Waldlandschaft mit Weg hat der Maler 15 bis 20 versteckte Figuren und Tiere eingearbeitet. Da kann man Zeit verbringen!  Bis 15. Juli, Mi, Sa, So 14-17 Uhr