Schopfheim Wenn Carmen swingt

Markgräfler Tagblatt, 15.07.2018 19:29 Uhr

Von Veronika Zettler

Schopfheim-Fahrnau. Wolfgang Griep hat recht: Wunderkind Georg Bizet, die Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy sowie auch Prosper Mérimée als Schöpfer der literarischen Vorlage liefern in „Carmen“ eine „schwer begreifbare Handlung“. Schon Loriot habe verwundert gefragt, „was denn einen Mann wie den Brigadier José dazu brächte, die militärische Karriere mit Pensionsanspruch zu Gunsten einer Dame von zweifelhaftem Ruf aus der Zigarettenindustrie aufzugeben“. Andererseits, die Antwort ist simpel. Bizet selbst liefert sie plausibel in der überbordenden, Leidenschaft kündenden Dramatik seines Werks, das gerade dadurch zum beliebtesten Dauerbrenner des Opernrepertoires wurde.

Freilich begegnet Carmen-Liebhabern in der Jazz Fassung des Harald Rüschenbaum Trios allerhand Verfremdung. „Swing, Carmen, swing!“ heißt das Programm, das die Formation am Sonntag in der Reihe „Klassik im Krafft-Areal“ in der gut besuchten ehemaligen Schuhfabrik in Fahrnau vorstellte.

Nach „Swing, Freischütz“ überführen Schlagzeugkoryphäe Harald Rüschenbaum und seine Mitstreiter abermals ein Opernwerk ins Fahrwasser des Swings. Die treibende Dynamik von Carmen erweist sich als perfekt geeignet. Carmen-Kenner ergänzen das Libretto automatisch im Kopf, derweil Klavier, Bass und Schlagzeug in die Erzählerrolle schlüpfen, ergänzt um literarisch modernisierte Informationen von Sprecher Wolfgang Griep, der schon beim swingenden Freischütz mitwirkte. Grieps Ausführungen geben der Jazzadaption einen betont humorigen Dreh, etwa wenn er die (tangoähnliche) Habanera beim Schopfheimer Tangoverein verortet, die Wachen zu „Dösen“ werden lässt oder Escamillos Aufforderung „Sag deinen Namen mir. Bei meinem nächsten Siege will laut ich ihn nennen“ als „zwei Sätze für den Psychotherapeuten“ bewertet.

Überraschungsreich war die swingende Carmen von Anfang an – in diesem Fall einer Minidrehorgel-Ouvertüre. Spannend wurde es bei den ausschweifenden Improvisationsbögen des Trios, das immer wieder elegant zu den bekannten Themen, zum Wall vor Sevilla und zum siegesbewussten Torero, zurückfand, ebenso in vereinzelten Einlagen des Pianisten und Musikprofessors Daniel Mark Eberhard am Melodion, das - wer hätte es gedacht – wie ein spanisches Akkordeon klingen kann.

Mit musikalischen Zitaten kommentierte das Trio die tragikomischen Passionen der Oper, spielte etwa ein paar Takte „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ an der Stelle, an der José wegen der fortdauernden Liaison zwischen Carmen und Escamillo auf Hundertachtzig ist.

Pianist Eberhard, Arrangeur der swingenden Carmen, machte das Werk dort zum Ereignis, wo er die hitzigen Wortgefechte aus dem Libretto als stürmische Dialoge von linker und rechter Hand präsentierte. Schön auch, wie Uli Fiedler  den ein oder andere bekannten Arienteil zu einer bedächtigen Angelegenheit des Kontrabasses machte.

Das Publikum war begeistert. Nach anfänglichem Zögern (Klassikreihe!) gab es viel Szenenapplaus und schließlich sogar das ein oder andere „Yeah“ für das Trio, das sich bei dem gut zweistündigen Konzert meisterlich durch vier hochdramatische Akte geswingt hatte.