Schopfheim Wenn Zwangsräumung droht

Schopfheim - Jobverlust, Mietschulden – und am Ende kein Dach mehr über dem Kopf. Diese soziale Abwärtsspirale erfasst immer öfters auch Menschen in Schopfheim – und genau diese will die Stadt nicht allein im Regen stehen lassen.

Der Gemeinderat verlängerte aus diesem Grund in seiner jüngsten Sitzung den Vertrag mit der AGJ Wohnungslosenhilfe, einem Fachverband der Erzdiözese Freiburg, um weitere zwei Jahre bis Ende 2022.

Die AGJ kümmert sich bereits seit 2018 in der Markgrafenstadt um Menschen, die bereits obdachlos sind oder die in Gefahr schweben, es bald zu werden. Der Fachstelle steht dafür eine 0,4-Stelle zur Verfügung, für die die Stadt im Haushalt jährlich rund 33 000 Euro ausgibt.

„Das Thema Obdachlosigkeit macht auch vor unserer Stadt nicht Halt“, betonte Bürgermeister Dirk Harscher bei der Beratung. Mit der AGJ habe man einen „guten Partner“ gefunden, der ebensolche Arbeit leiste.

Diese gliedert sich in der Markgrafenstadt in zwei Aufgabenfelder – zum einen in die Wohnungssicherung und zum anderen in die „mobile Obdachlosenbetreuung“.

An vierter Stellle im Kreis

Nach Angaben von AGJ-Vertreter Stefan Heinz ist der Landkreis Lörrach aufgrund seiner Grenzlage und der damit verknüpften „hohen Mieten“ sowie dem Zuzugsdruck von Obdachlosigkeit „besonders betroffen“. Schopfheim liege in der einschlägigen Statistik hinter den drei großen Kreisstädten Lörrach, Weil und Rheinfelden an vierter Stelle.

Zielgruppe der Beratung seiner Fachstelle für Wohnungssicherung seien insbesondere Mieter, die bereits eine Kündigung oder eine Räumungsklage erhalten haben oder denen sogar schon die Zwangsräumung drohe.

Beratung und Begleitung

Die Fachstelle berate die Betroffenen, kläre sie über den Ablauf von der Kündigung bis zur Räumung auf, begleite sie bei mietrechtlichen Problemen, leiste Hilfe zum Erhalt der Wohnung, unterstütze sie bei Anträgen für finanzielle Hilfen sowie bei der Wohnungssuche und vermittle weiterführende Hilfen.

Im Jahr 2019 habe die Fachstelle auf diese Weise 35 Haushalte betreut, in diesem Jahr bis Dezember deren 24. In knapp der Hälfte der Fälle hätten die Betroffenen bereits eine Kündigung erhalten gehabt, bei vielen lag schon eine Zwangsräumung vor (20 Prozent), ebenso viele hätten Mietschulden angehäuft.

Primäre Probleme

Die AGJ habe in den vergangen zwei Jahren mit ihrer Arbeit in 26 Fällen die Obdachlosigkeit von betroffenen Menschen verhindern können, erklärte Heinz.

Knapp die Hälfte aller Kündigungen/Räumungsklagen beruhte auf Mietschulden, die andere auf Konflikten mit Nachbarn, Lärmbelästigung oder Verwahrlosung.

Dahinter verbargen sich laut Statistik der AGJ so genannte „primäre Probleme“ wie Arbeitslosigkeit (29 Prozent), Schulden (22 Prozent), psychische Auffälligkeiten (18 Prozent) sowie körperliche Krankheiten und Straffälligkeit (jeweils acht Prozent)

Knapp ein Drittel der Fälle betraf nach Angaben von Stefan Heinz alleinstehende Männer ohne Kinder, jeweils 14 Prozent alleinstehende Frauen ohne Kinder beziehungsweise alleinstehende Frauen mit Kindern.

Rund ein Viertel der Betroffenen musste seinen Lebensunterhalt entweder von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe beziehungsweise mit anderen öffentlichen Geldern bestreiten.

Mobile Betreuung

Für die mobile Obdachlosenbetreuung zeichnet Sozialarbeiterin Slavica Stanojevic verantwortlich, die im Rathaus ein eigenes Büro hat. Sie kümmert sich um die „ordnungsrechtlich untergebrachten Haushalte“ – das sind die Bewohner der städtischen Unterkunft im Dammweg.

Sie habe im Berichtszeitraum mit allen 29 Betroffenen Kontakt aufgenommen und Hilfe geleistet – unter anderem mit 40 Hausbesuchen und 86 Telefonkontakten, 307 Maßnahmen zur Stabilisierung der Lebenslage und 87 Mehrfachberatungen. Darunter fielen 64 Hilfestellungen, um die Wohnsituation zu stabilisieren.

Sieben Erfolgserlebnisse

Dank der Betreuung hätten sieben Personen die Obdachlosigkeit sogar überwinden können, berichtete die Sozialarbeiterin.

Die Betroffenen seien ausnahmslos alleinstehende Männer oder Frauen aus allen Altersgruppen, die meisten von ihnen arbeitslos. Eine Rolle spielten auch primäre Probleme wie psychische Auffälligkeiten, Straffälligkeit, Überschuldung oder körperliche Gebrechen.

„Obdachlosigkeit muss kein Dauerzustand sein“, so das Fazit, das Stefan Heinz über die Arbeit der Fachstelle zog. Im gleichen Atemzug machte er aber deutlich, dass trotz aller Erfolge das Problem auch in Schopfheim nicht aus der Welt sei, im Gegenteil.

Hohe Nachfrage

Gerade in der Markgrafenstadt bleibe der Wohnungsmarkt weiter „angespannt“, das beweise nicht zuletzt die „konstante Nachfrage“ bei der Fachstelle. Hinzu kämen die Herausforderungen, die Corona mit sich bringe.

Um so dankbarer sei die AGJ deshalb für zahlreiche Spenden von Firmen, Kirchengemeinden und Privatpersonen.

Fachstelle Wohnungssicherung im Rathaus Hauptstraße 20-31 Sprechzeiten: Mittwoch 14.30 – 17.30 Uhr sowie nach Vereinbarung Tel. 0151/11817160 Träger: AGJ-Fachverband www.agj-freiburg.de

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