Schopfheim „Wir waren unserer Zeit voraus“

Eine Erfolgsgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes: Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren erblickten in der Markgrafenstadt die „Grünen“ als zartes Pflänzchen das Licht der Welt – heute sind sie aus der Stadtpolitik nicht mehr wegzudenken.

Von Werner Müller

Schopfheim . Der promovierte Theologe und damalige Hasler Pfarrer Dieter Nestle war Ende der 70er Jahre einer der treibenden Kräfte in der ökologischen Szene, die sich gegen den „selbstmörderischen Wachstumswahn“ stemmte. Nach gut einjähriger Vorarbeit hob ein rundes Dutzend Gleichgesinnter im „Statthalter“ den Ortsverband der Grünen aus der Taufe mit Dieter Nestle und seinem Stellvertreter Nikolaus Frey an der Spitze.

Gegen den mörderischen Wachstumswahn

Und siehe da: Der politische Samen ging schnell auf. Schon ein Jahr später errangen die Grünen bei der Kommunalwahl einen Sitz – Ino Hodapp, der heutige Ortsvorsteher von Wiechs, war in Schopfheim der erste Stadtrat der Grünen.

„Es war eine bunte Mischung damals“, erinnert sich Klaus Böttger, selbst ein Grüner der ersten Stunde und Stadtrat von 1984 bis 1994. Natur- und Umweltschützer, Friedensbewegte, Atomkraftgegner, Wertkonservative, engagierte Kirchenleute sowie Anhänger der Frauenbewegung – sie alle fanden bei den Grünen eine politische Heimat. So auch Ernes Barnet (Stadtrat seit 1994) und Michael Straub (Stadtrat von 1989 bis 2016).

„Es war viel Protest und Aufmüpfigkeit dabei“, so das Grüne-Trio im Rückblick. Für die etablierten Volksparteien seien die Grünen mit ihrem unkonventionellen Auftreten und ihrem basisdemokratischen Gehabe durchaus „gewöhnungsbedürftig“ gewesen.

Ihnen sei es schon damals um das langfristige Ziel gegangen, „die Erde für unsere Kinder zu bewahren“, so Böttger, Straub und Barnet. Nicht erst heute zeige sich, dass die Grünen schon damals richtig lagen.

Von den bundespolitischen Grabenkämpfen der Partei in den folgenden Jahrzehnten blieb der Ortsverband nach Angaben von Böttger, Straub und Barnet weitgehend verschont. Man habe vielmehr versucht, das Motto „global denken, lokal handeln“ vor Ort in die Tat umzusetzen. „Wir waren vor allem stadtpolitisch orientiert“, betont Michael Straub. „Richtungsstreit gab es bei uns nicht“, bestätigt auch Klaus Böttger.

Die Schopfheimer Grünen schrieben sich unter anderem die Verkehrsberuhigung in der Innenstadt auf die Fahnen, machten sich für Radwegebau, Dachbegrünung, Regenwassernutzung, ökologische Ausgleichsmaßnahmen für Flächenversiegelungen stark, setzten sich für den Erhalt von Grünflächen im Stadtgebiet, mehr Bürgerbeteiligung (Agenda-Gruppen) sowie ein Leitbild für Schopfheim ein und wehrten sich gegen die Zusammenlegung der Sportanlagen und gegen ein geplantes Spaßbad in Gündenhausen. Zudem riefen die Grünen aus verschiedenen Anlässen zu Mahnwachen auf (Fukushima, Balkankrieg). „Uns war zudem immer wichtig, Bürgerinitiativen zu unterstützen“, betont Ernest Barnet.

Im Jubiläumsjahr auf dem Höhepunkt

Das zahlte sich aus. Obwohl der Ortsverband nie mehr als zwischen 15 und 30 Mitglieder zählte, spielt er seit 40 Jahren in der Stadtpolitik eine wichtige Rolle. Nicht umsonst ist die Partei seit 1980 ununterbrochen im Gemeinderat vertreten.

Nicht nur das: Nach einer kleinen Delle Ende der 1980er Jahre kletterte der Stimmenanteil von Wahl zu Wahl unaufhaltsam – und erreichte just zum Jubiläum seinen vorläufigen Höhepunkt: Mit sechs Mandaten im Gemeinderat sind die Grünen stärkste kommunalpolitische Kraft in Schopfheim – und das zum ersten Mal in 40 Jahren.

Mit einer gehörigen Portion Genugtuung registrieren Klaus Böttger, Michael Straub und Ernes Barnet denn auch, dass die ureigenen Themen der Grünen – Klimawandel, Artenschutz, Grenzen des Wachstums –­ längst salonfähig geworden und in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. „Wir waren unserer Zeit wohl 40 Jahre voraus“, schätzen die Drei.

Ihrer Meinung nach geht den Grünen auch lokalpolitisch der Stoff noch lange nicht aus. „Wir dürfen unser Klima nicht 15-jährigen Kindern überlassen“, erklärt Ernes Barnet. Deswegen müssen die Grünen für Michael Straub auch in Zukunft diesbezüglich die „treibende Kraft“ bleiben. Für Klaus Böttger geht es dabei um die Frage, wie man das Wachstum ökologisch verträglich ausbalancieren und die weitere Entwicklung im Gleichgewicht halten könne.

Für das Grünen-Trio sollte der Klimawandel künftig auch kommunalpolitisch eine Hauptrolle spielen. Klaus Böttger könnte sich im Rathaus eine eigene Stelle für einen „Klimamanager“ vorstellen. Für die Grünen sei es obendrein wichtig, dass sie sich verjüngen, meint Ernes Barnet. Schließlich gehe es jetzt nicht mehr um die Zukunft der Kinder der Gründergeneration, sondern um die von deren Enkeln.

Die Grünen feiern ihr 40-jähriges Bestehen am Freitag, 8. November, um 19.30 Uhr in der Aula der Gewerbeschule. Auf dem Programm stehen unter anderem Kurzvorträge eines Mitorganisators von „Friday vor Future“ und des Grünen-Bundestagsabgeordneten Gerhard Zickenheiner.

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