Schopfheim Wo einst der Landrat amtierte

Schopfheim - Ein stattlicher Bau mit einer stolzen Geschichte: Das ehemalige Bezirksamt an der Westseite des Marktplatzes kennt jeder – zumindest vom Sehen her. Nur die wenigsten wissen jedoch, dass es stummer Zeuge einer Epoche ist, in der Schopfheim noch wichtige badische Verwaltungsstadt war und in der sogar Landräte ihres Amtes walteten.

Klaus Strütt ist es jetzt gelungen, die alten Mauern zum Reden zu bringen. In seinem Beitrag zum Jahrbuch 2020 schildert er am Beispiel des ehemaligen Bezirksamtes nicht nur dessen Bau-, sondern auch die Verwaltungsgeschichte der Markgrafenstadt von 1810 bis 1938 insgesamt.

Verwaltungsgeschichte

Diese Tradition reicht allerdings noch viel weiter zurück. Schon vom frühen Mittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) war Schopfheim bereits Sitz eines Obervogts, dessen Befugnisse in der Folgezeit der Statthalter übernahm.

Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden im Großherzogtum Baden die so genannten Bezirksämter – eines davon hatte seinen Sitz in der alten Markgrafenstadt. Im Jahr 1864 gehörten zum Schopfheimer Amtsbezirk die Gemeinden Adelhausen, Bürchau, Dossenbach, Eichen, Eichsel, Endenburg, Enkenstein, Fahrnau, Gersbach, Gresgen, Gündenhausen, Hasel, Hausen, Langenau, Langensee, Maulburg, Minseln, Neuenweg, Nordschwaben, Raitbach, Ried, Sallneck, Schlächtenhaus, Tegernau, Weitenau, Wiechs, Wieslet und Wehr. Später kamen sogar Todtmoos und Bernau noch dazu.

Die Nazis machten mit der herkömmlichen Verwaltungsstruktur indes kurzen Prozess. Schon 1936, nur drei Jahre nach der Machtübernahme, verlor die Markgrafenstadt ihren Status als Sitz des Bezirksamts. „Die Hintergründe waren unklar, eine öffentliche Diskussion fand nicht statt“, berichtet Klaus Strütt und fügt hinzu: „Damit ging eine 130 Jahre andauernde Geschichte mit 25 Amt- und Oberamtmänner sowie Landräten zu Ende“.

Baugeschichte

Die ersten Obervögte wohnte im herrschaftlichen Schloss in der Altstadt. Die Geschäftsräume des späteren Bezirksamtes befanden sich im Roggenbach’schen Hof, dem heutigen Gasthaus „Sonne“. Nachdem der Freiherr 1819 das Mietverhältnis gekündigt hatte, musste ein Neubau her.

Da schlug die Geburtsstunde des heutigen Bezirksamts. Die Stadt bot an, den Bau auf eigene Kosten zu errichten und anschließend dem Großherzogtum zu übergeben, falls die Staatskasse 5000 Gulden beisteuere.

Gesagt, getan. Schon 1821 war das Amtshaus an der Westseite des Marktplatzes fertig, allerdings noch viel kleiner als das aktuelle Gebäude. Zum Bau verwendete man seinerzeit Mauer- und Plattensteine aus der an jener Stelle abgebrochenen Stadtmauer.

Das zweigeschossige Amtshaus beherbergte nicht nur die Dienstwohnung des Amtsvorstands, sondern auch Gefängniszellen. Im Hof befand sich zudem ein Ökonomiegebäude mit Knechtkammer und einem Stall für die Pferde, auf denen der Amtmann die Gemeinden seines Bezirks besuchen konnte. Ende des 19. Jahrhunderts erhielt das Gebäude eine Gasbeleuchtung.

Schon damals war es ähnlich wie heute: Weil die Aufgaben der Verwaltung ständig zunahmen, wurden die Gebäude zu klein. 1903 war deshalb ein Erweiterungsbau fällig, der einem der bislang „schönsten Gebäude der Stadt“ architektonisch jedoch nicht gerade zum Vorteil gereichte, wie Klaus Strütt berichtet. 1927 erfolgte der zweite Erweiterungsbau mit der nunmehr wieder in die Mitte gerückten großen Treppe, die das Erscheinungsbild bis heute prägt.

Niedergang der Amtsstadt

Der Neubau brachte der Stadt indes kein Glück: 1938, nur neun Jahre nach der Erweiterung, verlor das Bezirksamt seine Funktion, das Gebäude büßte nach knapp 130 Jahren seine ursprüngliche Zweckbestimmung ein. „Eine sehr lange Verwaltungszuständigkeit der Stadt Schopfheim nahm ein für viele Menschen trauriges Ende“, schreibt Klaus Strütt.

25 Amtmänner und drei Landräte hatten mehr als ein Jahrhundert lang darin ihre Geschäfte geführt. Deren aller Namen und Biographien fügt Klaus Strütt der Vollständigkeit gleich auch noch bei.

Der Verlust des Bezirksamts ist nur einer von vielen, den Schopfheim hinnehmen musste. Im Laufe der Zeit verlor die altehrwürdige Amtsstadt auch das Finanzamt, das Postamt, das Hochbauamt, das Vermessungsamt und und das Forstamt. Als einzige „übergeordnete staatliche Einrichtung“ könne man nur noch das Amtsgericht einordnen, bedauert Klaus Strütt den „Abbau Schopfheims als Behördenstadt“.

In der Folgezeit beherbergte das ehemalige Bezirksamt unter seinem Dach unter anderem das Staatliche Hochbauamt, das Polizeirevier und die Kfz-Zulassungsstelle.

„Die seit dem Hoch- und Spätmittelalter zentrale Bedeutung Schopfheims als Verwaltungszentrum und Beamtenstadt ist durch den sukzessiven Behörden-Abbau im 20. Jahrhundert jedoch geschwunden“, so das Fazit des Chronisten.

1982 kaufte die Stadt das Gebäude und brachte darin das Bauamt, das Ordnungs- und Sozialamt, das Standesamt, das Stadtbüro und (bis 2019) das Grundbuchamt unter.

Eine wechselvolle Geschichte hat das alte Bezirksamt also schon hinter sich. Was aus ihm mal wird, steht allerdings in den Sternen. Gut möglich, dass die Stadt es als Verwaltungsgebäude behält. Denkbar ist aber auch, dass sie es in Zusammenhang mit der Umgestaltung von Marktplatz und Innenstadt irgendwann verkauft. Kurzum: „Seine Zukunft ist völlig offen“, wie Klaus Strütt abschließend feststellt.

Weitere Informationen: „Bezirksamt Schopfheim, 1810 -1938“, Aufsatz von Klaus Strütt im städtischen Jahrbuch 2020

Klaus Strütt verbrachte sein gesamtes Berufsleben – 45 Jahre – in Diensten der Stadt. Er leitete Ordnungs-, Kultur- und Hauptamt. Der profunde Kenner der Stadthistorie gibt außerdem seit 1985 als Verantwortlicher das Jahrbuch heraus.

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