Von Anja Bertsch

Schopfheim-Fahrnau. „S’isch ned ebbes saumäßig Verkopfts, aber au nix, wo s Hirn stere ded. Mund-Art-Litratur isch ebbes fir Herz ond Hirn, so wie elle guade Litratur“. In schönstem Stuttgarter „Honoratiorenschwäbisch“ umriss Moderator Volker Habermaier eingangs der Mundart-Lesung am Samstagabend im Kirchlein St. Agathen das Feld, auf dem sich die Internationale Mund-Art-Literatur-Werkstatt in diesem Jahr tummelte: „Mundart zwischen Herz und Hirn“, hieß das weitgefasste Thema.

Fotostrecke 3 Fotos

Mit Pius Jauch eröffnete der jüngste Wortkünstler des Workshops die Lesung und kombinierte als Liedermacher die spezielle Sprachmelodie seines „Baisinger“ (Bösinger) Heimatdialektes mit der eigenen Singstimme und den Pianoklängen seiner Schwester Carmen. Mit leisem Spott und großer Zuneigung widmete er seine Texte den speziellen Menschenwesens- und Landschaftszügen seiner Heimat auf der Alb.

Verquere Gedanke zu abseitigen Themen, die dann aber doch irgendwie ganz hintersinnigen Sinn machen, wenn man sich drauf einlässt, sind die Spezialität von Wolfgang Kühn aus dem niederösterreichischen Waldviertel: Mit schrägen Perspektivwechseln - Motto zum Beispiel: „Wos a Viech so denkt“ - , mit pointierten Kürzest-Versen, schwarz-humorig und grätig, hatte Kühn die oft fast ungläubigen Lacher über so viel Un- und Hintersinn auf seiner Seite. Und wenn die Pointe zuweilen erst mit einiger Verzögerung zieht, und dann im um so nachhaltigerem Lachen endet, dann ist Kühn zufrieden: „Sickerwitz nennt ma dös bei uns.“

Völlig konträr dazu, bringt der Elsässer Yves Bisch dem Zuhörer seine Botschaft in seinen Texten – Geschichten eher als Gedichte - ganz ohne humoristische Brechung nahe. Zweideutigkeiten sind seine Sache nicht, zu ernst offenbar ist ihm die Sorge um den drohenden Verlust des elsässischen Dialekts, der mit der älteren Generation auszusterben droht. Eine Entwicklung, die Bisch im eigenen Tun als Autor wie als Lehrer in Kindergärten und Schulen aufzuhalten versucht.

Verhalten und leise im Vortrag, feinsinnig im Inhalt, ein wenig verletzlich und zugleich mit feinem Witz berührte Ruth Lewinsky ihre Zuhörer beim Vortrag mit ihren „züritütschen“ Texten auf ganz eigentümliche und unglaublich sympathische Weise. Ihre Texte – zuweilen höchst knappe Zwei-Zeilen-Gedanken – zeugen im Blick auf die Welt und die Mitmenschen von tiefer Einsicht und von Immer-noch-Ratlosigkeit und legen dabei eine tiefgründige Verschmitztheit an den Tag legten

Von Moderator Habermaier als Poeta Doctus - „glährter Dichter“ - vorgestellt, präsentierte Andreas Kohm in seinen „Langgedichten“ sinnige und tiefsinnige Gedanken, Naturbeobachtung etwa, die ihr Ziel nicht in stiller Idylle finden, sondern Widersprüche und Risse im Welt- und Menschsein mittransportieren.

„Jedes Jahr muss ich mir was Neues ausdenken, um euch denjenigen vorzustellen, den ihr doch so gut kennt wie ich....“, hob Moderator Habermaier schließlich bei der Vorstellung von Literatur-Werkstatt-Schöpfer Markus Manfred Jung zur humorigen Klage an.

Jung selbst übernahm es dann, derlei Klagen mit seinem aktuellen Projekt jeglichen Wind aus den Segeln zu nehmen: „Schluchten von Licht“ heißt seine neueste Buch-Veröffentlichung, und was sich in diesem Titel schon andeutet, wurde im Vortrag zur Gewissheit: Mit dem Hochdeutschen hielt ein ganz ungewohnter Zungenschlag Einzug in den Jungschen Vortrag wie überhaupt in den Mundart-Abend.

In der Gegenüberstellung zu den alemannischen „Übersetzungen“, die es für viele der Texte ebenfalls gibt, ergab sich eine reizvolle Spannung. Eindrücklich führte der Vortrag vor Ohren, welch eigene Qualität und Wirkung die eigentlich doch „gleichen“ Worte in den unterschiedlichen Zungenschlägen - alemannisch und hochdeutsch - entfalten. Insgesamt ein Abend voller unterschiedlicher Sprachsounds, Klangfarben und Rhythmen, voll unterschiedlicher Menschen- und Dichtertypen – reizvoll und spannend, und wie immer gut für eine Fortsetzung (lesen Sie dazu auch unseren Bericht auf der Seite „Regio-Kultur / Was - Wann-Wo“)..

Einmal mehr trafen sich auf Einladung von Markus Manfred Jung sechs Autoren übers Wochenende in Schopfheim, um gemeinsam an ausgewählten Werkstücken zu schaffen: „Mal wird gehämmert, mal wird gefeilt“, umriss Moderator Volker Habermaier den Arbeitsprozess. Bei der Lesung in St. Agathe nun konnten die frisch behauenen Texte ein erstes Mal vor Publikum ausprobiert werden.

Daneben präsentierten die Autoren im Laufe des Abends etliche weitere Stücke aus ihrem Werk. Dabei tat sich den Ohren des Publikums die faszinierende Vielfalt auf, die über die Mundart in die Sprache einfließt: Vom Honoratiorenschwäbisch Stuttgarter Provenienz ging’s hinüber ins „Hardcore-Schwäbisch“ aus der Gegend um Rottweil, das Hochalemannisch hiesiger Prägung erklang neben dem Niederalemannisch aus nördlicheren Gefilden. Unter Zugabe von „Züritütscht“, Elsässisch und dem niederösterreichischen „Waldviertlerisch“ wurde es auf der kleinen Bühne gar „quatro-national“.