Steinen „Auf den Moment haben alle gehofft“

Steinen - Erleichterung und Fröhlichkeit herrschten gestern Mittag in der Cafeteria des Seniorenzentrums Mühlehof in Steinen.

In einem juristischen Tauziehen mit bundesweiter Bedeutung hat die Geschäftsführung beim Verwaltungsgerichtshof die Öffnung gemeinsam genutzter Räume erstritten. „Wir sind das erste Seniorenheim in Deutschland, in dem die Bewohner sich wieder treffen können“, strahlte Hausleiter Wolfram Uhl und erhob sein Glas.

Vergleich mit bundesweiter Tragweite

„Salli, Erika.“ „Salli, Friedhilde“, grüßen sich zwei Bewohnerinnen in der Cafeteria „KaffeeMühle“. Lange mussten sie darauf verzichten, sich mittags beim Essen oder nachmittags beim Spielen gemeinsam zu treffen. Die strengen Corona-Verordnungen machten die Zurückgezogenheit in den eigenen vier Wänden erforderlich.

Die Impf-Kampagne sollte den Bewohnern ihre Grundrechte, Freiheit und Lebensqualität eigentlich zurückbringen. „Dass wir dafür so lange vor Gericht kämpfen mussten, hätten wir nicht gedacht,“ gesteht der Geschäftsführer. Anfangs, vor zwei Monaten, sei es ihm nur um die Rechte seiner Bewohner gegangen, am Ende stand ein Vergleich in Mannheim mit bundesweiter Tragweite.

Bewohner konnten Wiedereröffnung kaum erwarten

„Die Bewohner haben mit uns gefiebert und gebangt und konnten die Wiedereröffnung der Cafeteria kaum erwarten. Grundlage für die Wiedereröffnung ist ein praktisch vollständiger Impfschutz bei Bewohnern und Mitarbeitern. „Wir haben sehr früh Überzeugungsarbeit fürs Impfen geleistet“, begründet Uhl die 99-prozentige Impfquote im Haus. Nur ein Bewohner im betreuten Wohnen wollte sich nicht impfen lassen.

Küchenleiter Daniel Scherr schenkt zur Feier des Tages Champagner aus. „Auf den Moment haben alle gewartet und gehofft“, weiß er. Die Zeit, in der die Mahlzeiten alleine im eigenen Zimmer eingenommen werden mussten, sind vorbei.

Ausgehschick für den Caféterie-Besuch

Scherr hat beobachtet, dass sich die meisten Bewohner für diesen besonderen Anlass der Wiedereröffnung extra etwas Schönes angezogen haben oder zuvor beim Frisör waren. In der Isolation hätte die Gefahr bestanden, dass man sich etwas gehen lässt und in den Tag hineinlebt.

„Gottseidank“ entfährt es Friedhilde Schlageter, 86, die in Ried ein Geschäft und eine Tankstelle betrieben hat, als sie gestern, kurz vor 12, als erste die Kaffeemühle betritt. Soziale Kontakte und Geselligkeit waren für sie zeitlebens selbstverständlich. Umso härter traf sie der Lockdown im Altenheim. „Das ist ein schöner Tag“ jubelt sie nun. „Das war eine harte Zeit. Alleine hat das Essen nicht geschmeckt.“

Einige Bewohner hat Friedhilde Schlageter lange nicht gesehen, einige seien inzwischen gestorben. Umso wichtiger sei es, sich jetzt zum Kaffee oder Tee, zum Spielen oder Schwätzen zu treffen. „Fühlt sich gut an“, bestätigt auch Marita Kemper in die Kameras. „Endlich sieht man die Leute wieder.“

Mit Herzblut für die Sache gekämpft

Genauso sieht es Geschäftsführer Uhl, der mit dem jungen Rechtsanwalt Patrick Heinemann einen Joker gezogen hat. „Er hat nicht nur seinen Job gemacht, sondern mit Herzblut für unsere Sache gekämpft“, lobt Uhl den Anwalt in einer kurzen Ansprache. „Auch am Wochenende und über Ostern.“  Bis zur letzten Instanz des VGH in Mannheim sei er gegangen. Das sei einen Sonderapplaus wert, bittet er und die alten Menschen klatschen dem anwesenden Anwalt gerne zu.

Heinemann bestätigt: „Es war mehr Arbeit als gedacht und gab viele Widerstände.“ Dann wünscht er den Bewohnern „guten Appetit“.

Dem schließt sich auch Bürgermeister Braun an. Es sei schön, dass die Mühlehöfler „aus ihren Höhlen zurück ans Tageslicht könnten“, sagt er und überlässt dem Küchenchef und seinem Team das Feld. Daniel Scherr hat neben Bärlauchsuppe mit Crevetten einen delikaten Hackbraten zubereitet, den sich alle schmecken lassen.

Ein paar Bewohner zeigen noch einen weiteren Tag Geduld, weil die zuvor getesteten Pressevertreter und Kamerateams im Hause für ungewohnten Trubel sorgen. Aber Uhl bittet um Verständnis: „Ihr seid die Vorzeige-Senioren in Deutschland“, sagt der Geschäftsführer. „Der Mühlehof ist der Eisbrecher. Jedes Seniorenheim wird jetzt zusehen, wie es das wegweisende Urteil für sich übernehmen kann.“

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