Steinen „Wir wollen kein Getto bauen“

So hatte sich Bürgermeister Gunther Braun den Auftakt der Bürgerbeteiligung zur Planung einer Anschlussunterbringung für Flüchtlinge an der Köchlinstraße gewiss nicht vorgestellt.

Von Gerald Nill

Steinen . Von Anwohnern des Viertels, das vom Gemeinderat als Standort favorisiert wird, schlug ihm in der Wiesentalhalle von Höllstein die geballte Ablehnung entgegen.

Schon jetzt sei das Quartier durch zwei Flüchtlingshäuser ein sozialer Brennpunkt. Von Drogenhandel und sexuellen Übergriffen war die Rede. Schlimmer noch: Die Anlieger fühlen sich von der Gemeinde und von der Polizei mit ihren Anzeigen im Stich gelassen.

Schon 100 Mal bei der Polizei gewesen

Zweieinhalb Stunden lang ließen die Bürger ihren Frust ab. Die Bewohner von Köchlinstraße und Am Neugraben klagten, sie hätten seit Jahren beim Bürgermeister mit ihren Sorgen vorgesprochen, mit ihren Beschwerden aber keinerlei Änderungen bewirkt. Ihre Befürchtung: Mit einem weiteren Bau für überwiegend allein stehende Männer könnten sich die Umstände weiter verschlimmern.

Aber der Reihe nach. Zunächst schilderten Bürgermeister und die Flüchtlingsbetreuer der Caritas die Lage aus ihrer Sicht. Da war von Steinen als der „Muster-Kommune für Integration“ die Rede. Gunther Braun erklärte den rund 90 Bürgern, dass der Gemeinderat grünes Licht für bis zu 100 Plätze in der Anschlussunterbringung von Flüchtlingen gegeben habe.

Nominell müsse Steinen in diesem Jahr 56 anerkannte Flüchtlinge aufnehmen. Diese Zahl sei aber noch nicht in Stein gemeißelt, weil einige der vom Land zugewiesenen Menschen private Unterkünfte finden. Ohnehin werde die Bauzeit „mindestens eineinhalb bis zwei Jahre“ betragen. Der beauftragte Architekt sitze noch vor einem „weißen Blatt“, so Braun, weil er ja die Impulse aus der Diskussionsveranstaltung mitnehmen solle.

Wenn es danach geht, könnte das Blatt weiß bleiben, denn anscheinend möchte kaum einer der Bewohner noch einen weiteren Bau an dieser Stelle. Sie brandmarkten die zwei bestehenden Unterkünfte vielmehr als „Brennpunkte“.

Nachdem Reinhard Zahn von der Caritas und Hermann Rakow vom Anwohnerbeirat noch die Entwicklung der Anschlussunterbringung in Haagen in positiven Tönen geschildert hatten, meldete sich ein 28-jähriger Bürger mit türkischen Wurzeln zu Wort. Er sei in der Köchlinstraße groß geworden und bestens integriert. Was er jetzt erlebe, seien Prostitution, Drogenhandel und sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Frauen. Applaus gab es auch für ähnliche Schilderungen von weiteren Anwohnern, die kritisierten, dass in diesem Quartier, das die Probleme jetzt schon nicht in den Griff bekomme, weitere bis zu 100 Flüchtlinge untergebracht werden sollen.

Braun: Die Probleme vor Ort lösen

Der Bürgermeister beteuerte: „Wir wollen kein Getto bauen.“ Man stehe erst am Beginn der Planung. „Wir müssen aber die Probleme vor Ort lösen“, meinte Braun und räumte im Laufe der Diskussion ein: „Die Aktenlage liegt uns vor.“

Eine junge Frau klagte, sie sei „schon hundert Mal bei der Polizei gewesen“. Aber keiner unternehme etwas. Ein Mann berichtete, er hole seine Frau jeden Abend am Bahnhof ab, weil er sie nachts nicht mehr alleine nach Hause gehen lassen wolle. Braun antwortete hierauf: „Wir müssen ausmerzen, was schief läuft.“

Was unmissverständlich klar wurde: Die Bewohner der Köchlinstraße fühlen sich im Stich gelassen. Im letzten Herbst habe es noch geheißen, zur Dezentralisierung sei ein zweiter Standort zur Anschlussunterbringung der Flüchtlinge im Gespräch. Jetzt bekomme man zu hören, die Gemeinde habe kein Alternativgrundstück in der Hinterhand.

Braun lenkte schließlich ein und sagte zu: „Ihre Anliegen werden protokolliert und mitgenommen.“

Schließlich meldeten sich zwei Bewohnerinnen aus der Straße Am Neugraben zu Wort. Sie appellierten, die Zeit bis zum Bau einer Anschlussunterbringung zu nutzen, um die genannten Missstände zu beheben.

Der Bürgermeister fand die Idee gut und erklärte, er nehme von der Diskussion auch die Erkenntnis mit, dass die „Wunschgröße“ für einen Neubau bei 30 bis 60 Bewohnern liege. Braun dankte den Bürgern „für die ehrlichen Worte“.

Im Gegenzug sagten etliche Anlieger schließlich doch zu, einen weiteren Baukörper für Flüchtlinge an der Köchlinstraße mittragen zu wollen. Integrationsbeauftragte müssten dann aber als Ansprechpartner zwingend eingeschaltet werden. Das Quartier dürfe nicht überfordert werden.

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