Stolperstein Verlegung in Schopfheim Orte des Erinnerns inmitten der Stadt

Anja Bertsch
Eindrücke von der ersten Station des Gedenkaktes in der Hauptstraße 49. Künstler Gunther Demnig (vorn) verlegt die Stolpersteine, Andrea Menne von der Stolperstein-Initiative (etwa Mitte) liest aus einem Brief, den Meta Mayer aus dem Lager Gurs an eine Freudin geschrieben hatte. Foto: Kathryn Babeck

In einem dreigeteilten Gedenkakt wurden am Montag drei Stolpersteine und eine Stolperschwelle in der Hauptstraße und vor dem Markus-Pflüger-Heim verlegt.

Die Stolpersteine: Es sind kleine Messingtafeln auf einem Betonsockel, eingelassen in das Trottoir und beschriftet mit den letzten Lebensstation der früher in den betreffenden Häusern lebenden Menschen, die fast ausnahmslos mit dem gewaltsamen Tod enden: In Vernichtungslager deportiert, ermordet, oder in den Suizid getrieben. Die Menschen heutzutage sollen in ihrem Alltag buchstäblich darüberstolpern – und so im Gedächtnis behalten, dass es Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, der Städte und Dörfer waren, die Opfer der nationalsozialistischen Rasse- und Vernichtungspolitik wurden.

Foto: Anja Bertsch

100 000 Stolpersteine

Über 100 000 solcher Steine hat der Künstler Gunther Demnig im Laufe von über dreißig Jahren in ganz Deutschland verlegt; am Montag nun also in Schopfheim. Initiiert wurde dies von der Initiative Stolpersteine Wiesental, auf deren Engagement hin im Oktober 2021 bereits die ersten Stolpersteine in der Altstadt verlegt wurden, für Bella, Wilhelm und Melitta Auerbacher.

Gunther Demnig Foto: Anja Bertsch

An drei unterschiedlichen Orten in Schopfheim ließ der Künstler die Gedenksteine in den Straßenraum ein, jeweils umrahmt von musikalischen Beiträgen, von historischen Bildern und von Ausführungen der Initiativ-Mitglieder Ingeborg Teipel, Andrea Menne und Franz Brandl, die den Anwesenden die Schicksale der Opfer bedrückend nahebrachten – dem Leitmotiv folgend, das die Initiative ihrem Engagement voranstellt: „Den Opfern ein Gesicht und Heimat geben.“

Meta und Herbert Mayer

Die erste Verlegung fand im Beisein von etwa fünfzig Anwesenden vor dem einstmals von Meta Mayer und ihrem Stiefsohn Herbert bewohnten Haus in der Hauptstraße 49 statt. Die beiden wurden am 22. Oktober 1940 in das Konzentrationslager Gurs deportiert, waren anschließend im Lager Drancy interniert und wurden schließlich nach Auschwitz gebracht und dort ermordet. Herbert Mayer starb an seinem 40. Geburtstag.

Foto: Anja Bertsch

Noch aus Gurs schreibt Meta Mayer einen erschütternden Brief, der bei der Verlegung zitiert wurde und den Anwesenden die ehemalige Schopfheimerin und ihr Schicksal auf bedrückende Weise nahebrachte: „Liebes Margritli“, beginnt Meta Mayer, um dann höflich um „Lebensmittel die man gleich essen kann“ zu bittenund darum, ob die Ferundin vielleicht „ein Paar Schuhe G. 39 od 40 irgendwo auftreiben könnte (...), denn ich habe nur bei mir, was ich anhabe.“

Historische Ansicht des Gebäudes in der Hauptstraße 49. Foto: Anja Bertsch

Katharina Waldi

Wenige hundert Meter weiter an der Hauptstraße 14/Ecke Karlstraße wird der Gedenkstein für Katharina Waldi in den Gehweg eingelassen. Sie war mit einem Christen verheiratet und entging deshalb zunächst der Deportation. Als die Verhältnisse schwieriger wurden, wollte sie in die Schweiz fliehen – wurde jedoch kurz vorher, am 28. November 1944, von der Gestapo abgeholt.

Gedenken an Katharina Waldi Foto: Anja Bertsch

Im Wissen darum, welches Schicksal sie erwarten würde, nahm sie sich in der Arrestzelle im Schopfheimer Rathaus das Leben. „Es war die Flucht in den Tod“, so Ingeborg Teipel. Ein Gesicht erhielt das Schicksal von Katharina Waldi auch in Gestalt ihrer Enkelin Veronika Kreuer-Richon, die aus ihrer elsässischen Heimat zur Stolpersteinverlegung gekommen war. Wenngleich sie ihre Großmutter nie kennenlernte, „war sie mir in den Erinnerungen meiner Mutter und meines Onkels – Katharinas Kinder also – sehr nahe“, erinnerte sich die Enkelin sichtlich bewegt. Bis zum Tod des Großvaters in den 1960er Jahren – er hatte überlebt und war nach dem Krieg in das Haus zurückgekehrt –, war Veronika Kreuer-Richon regelmäßig in Schopfheim zu Besuch.

Katharina Waldis Enkelin Veronika Kreuer-Richon war zur Stolpersteinverlegung nach Schopfheim gekommen. Foto: Bertsch

108 Patienten aus Wiechs

Vor dem Verwalterhaus des ehemaligen Kreispflegeheims (später Markus-Pflüger-Heim) in Wiechs schließlich wurde eine Stolperschwelle verlegt – im Gedenken an die Patienten, die wegen geistiger oder körperlicher Behinderung sowie psychischer Erkrankung im Zuge der „T 4-Aktion“ ermordet wurden. Kaum enden wollte die Liste der einzeln verlesenen Namen der Patienten, die von Wiechs aus nach Grafeneck und Hadamar „verlegt“ wurden. 108 Menschen waren es insgesamt. 107 von ihnen starben durch die Hand der Nationalsozialisten.

Stolperschwelle vor dem Verwalterhaus des früheren Kreispflegeheims Foto: Anja Bertsch

Nachdenkliche Worte

Nachdenkliche Worte fanden hier Erster Landesbeamter Ulrich Hoehler als Repräsentant des Kreises – damals wie heute Träger des Heimes – und Schopfheims Bürgermeister Dirk Harscher. Beide stellten die Verantwortung des Einzelnen in das Zentrum ihrer Überlegungen und betonten die Bedeutung des Erinnerns für das Hier und Jetzt: „Der Staat muss auf seine Bürger aufpassen. Aber noch wichtiger: Die Bürger müssen auf ihren Staat aufpassen“, sagte Harscher. Das gelte angesichts erstarkender rechter Bewegungen in Deutschland und Europa mehr denn je.

Erster Landesbeamter Ulrich Hoehler und Bürgermeister Dirk Harscher fanden nachdenkliche Worte. Foto: Bertsch

Zum Auftakt der Gedenk-Feierlichkeiten war der von drei THG-Schülerinnen Kira Hagmann, Anninka Shimshek und Katharina Heubes gefertigte Film „Als die grauen Busse kamen“ gezeigt worden, der die Geschichte der Heim-Deportationen und die Einzelschicksale von Patienten aufarbeitet und zeigt.

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