Todtnau Geschichte(n) auf dem Berg

Markgräfler Tagblatt
Bewegend war die Lesestunde im Kurhaus mit Ruth Schweikert, die anschließend signierte. Fotos: Gabriele Hauger Foto: Markgräfler Tagblatt

Von Gabriele Hauger

Todtnauberg. Auch die 15.  Todtnauberger Literaturtage beeindruckten wieder mit großer Bandbreite, charismatischen Autoren und punkteten mit ihrer ganz speziellen Atmosphäre. Besonders deutlich wurde dies traditionsgemäß bei der open-air Lesung auf dem Radschert. Bei schönster Wintersonne, Alphornklängen, Glühwein und Schneedecke harrte die Schar der Literaturfreunde am Samstagnachmittag bereits im Vorfeld aus; die Profis mit Decken und Sitzkissen oder Klappstühlen ausstaffiert. Artur Becker, deutsch-polnischer Autor, war erstmals beim „Lesen auf dem Berg“ zu Gast und dürfte mit seiner kauzig-temperamentvollen und trotz fast eingefrorener Finger, wie er bekannte, ambitionierten Lesestunde vielen im Gedächtnis bleiben. Dafür sorgte auch der stürmische Inhalt seines neuen Romans „Drang nach Osten“, aus dem er mit tönender Stimme las. Darin entwirft er – basierend auf seiner eigenen Familiengeschichte – einen Plot, wie er wohl nur in der dramatischen deutsch-polnischen Historie möglich ist: Da geht es um Misstrauen und Verrat, um Nazis, Russen, Kollaborateure und Partisanen, um Kriegsgräuel und Überlebenswille, um jüdische Schicksale und das Leiden der Frauen, um „neue Herren“, um Sieger und Besiegte, um Opfer und Täter und dem Wissen, dass es nicht immer leicht ist, hierüber ein Urteil zu fällen. Es war wohl der mit dem Untergehen der Sonne einherziehenden Kälte geschuldet, dass einige der vielen Zuhörer noch vor dem versöhnlichen Schluss der Lesung gen Tal eilten, der im übrigen davon handelte, wie ein katholisches Kind gezeugt wird, wie Becker ein wenig süffisant ankündigte.

„Tage wie Hunde“ von Ruth Schweikert

Kontrastreicher hätte der Sonntagvormittag mit Ruth Schweikert, die bereits das dritte Mal in Todtnauberg zu Gast war, wohl kaum sein können. Gut gefüllt der große Kurhaussaal, sensibel die Begrüßung der Autorin durch Moderator Gerwig Epkes. Denn die Erkrankung ist der in Zürich lebenden Schriftstellerin anzusehen. Umso bewundernswerter ihre kraftvolle Stimme, ihre Energie, die sie beim Lesen aus ihrem neuen Buch „Tage wie Hunde“ versprüht. Darin stehen Sätze wie Mahnungen, das wirklich wichtige im Leben zu erkennen. In acht Kapiteln, nach Wochentagen gegliedert, betrachtet Schweikert unter dem Eindruck ihrer Krebserkrankung die Welt. Schonungslos offen, dabei auch immer wieder humorvoll, liebevoll, dem Leben und seiner Schönheit zugewandt. Wenn sie beschreibt, wie sie mit fahrigen Fingern rauchend (vielleicht ihre letzte Zigarette?) auf das Urteil der Ärztin wartet, wie sie die Angst vor dem Kontrollverlust über ihren Körper verspürt und sich fragt: „Kann man dann noch geliebt werden?“ Und vor allem, wenn sie die tiefen Gefühle zu ihren drei Söhnen, der eine noch so jung, ein Nachzögling, beschreibt: Dann ist es totenstill im Saal. Verzweifelte Lebenlust, erschütternde Details, aber auch immer wieder viel Hellsicht und Optimismus, Betrachtungen zu Freundschaft, Natur, Gesellschaft, zu den Menschen überhaupt, bereichern diese lebensweisen Lebensbetrachtungen. Warm und langanhaltend ist der Applaus für diese so persönliche Lesung. Und man kann die Worte Epkes nur unterstreichen: „Es ist uns Freude und Geschenk, Sie hier lesen zu hören.“

Erleichtert nahmen die Besucher im Kurhaus im übrigen zur Kenntnis, dass das „Lesen auf dem Berg“ auch nach 15 Jahre Erfolg weitergeführt wird, obwohl sich Initiator und Seele der Veranstaltungsreihe, der Schweizer Autor Hansjörg Schneider, altersbedingt zurückziehen wird. Gerwig Epkes übernimmt. Und so haben Literaturfreunde weiterhin die Gelegenheit, spannenden Autoren zu begegnen.

Dieses Jahr waren dies neben Becker und Schweikert die zum Auftakt einspringende junge Schriftstellerin Simone Lappert mit ihrer begeisternden Lesung; Anja Kampmann mit ihrem Erstlingswerk; die aus dem Iran stammende Kathy Zarnegin im gemütlichen Berggasthaus Stübenwasen; Thomas Knubben mit seinem Hölderlin-Exkurs; Lukas Hartmann mit seiner bewegenden Geschichte des jüdischen Sängers, dessen Flucht und der auf der Hand liegenden Parallelelen zu Heute; Thomas Erle zum Abschluss mit seiner Schwarzwald-Trilogie.

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