Weil am Rhein Der lange Weg bis zur Dreiländergalerie

Siegfried Feuchter

Im Jahr 2013 hatte der Gemeinderat die Weichen für die Dreiländergalerie gestellt, um den Kaufkraftabfluss zu vermindern und die Zentralität der 3-Länder-Stadt zu stärken. Heute eröffnet das Einkaufs- und Dienstleistungscenter mit rund 70 Geschäften. Tausende Besucher am Tag erwartet der Betreiber der Dreiländergalerie, die rund 150 Millionen Euro gekostet hat.

Von Siegfried Feuchter

Weil am Rhein . Die Dreiländergalerie nennt Oberbürgermeister Wolfgang Dietz im Zusammenhang mit der Stadtentwicklung einen wesentlichen Mosaikstein. Er verspricht sich eine attraktive Bereicherung für die Weiler Innenstadt und eine stärkere Zentralität der Grenzstadt. Bedeutend sind für den OB ebenso die mit dem Center verbundenen 400 Arbeitsplätze. Außerdem: „Das Gebäude bleibt mit seiner Gestaltung im visuellen Gedächtnis haften.“

Einige Hürden zu meistern

Auf dem langen Weg zum weiteren Einkaufszentrum, das die schwierige Zentrumsbildung voranbringen soll, mussten einige Hürden beseitigt und viel Überzeugungsarbeit zur Notwendigkeit des großen Shoppingcenters geleistet werden. Denn nicht nur im örtlichen Einzelhandel, der einen Verdrängungswettbewerb befürchtete, sondern auch unter Bürgern gab es Vorbehalte gegen ein so großes Projekt.

Die Folge war ein zweiter Bürgerentscheid, nachdem Bürger bereits 2011 die Pläne des damaligen Investors MAB Development für ein über 20 000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum gestoppt hatten. Jeder vierte der rund 22 000 Wahlberechtigten stimmte damals gegen das vom Gemeinderat bewilligte Projekt. Vier Jahre später, am 19. Juli 2015, gingen die Weiler Bürger erneut zur Wahlurne, um nun über die Pläne des neuen Investors Cemagg abzustimmen. Zwar war die Mehrheit der Weiler dieses Mal für das innerstädtische Großprojekt. Doch das notwendige Quorum wurde verfehlt. Da die Stadt an das Votum nicht gebunden war, machte schließlich der Gemeinderat am 28. Juli mit einstimmigem Votum den Weg für die Dreiländergalerie endgültig frei.

Kaufkraftabfluss vermeiden

Eines der wesentlichen Ziele hieß: die Angebotsvielfalt in Weil am Rhein deutlich vergrößern, neue Sortimente in die Stadt holen und vor allem den starken Kaufkraftabfluss stoppen. Denn laut Marktanalysen von 2015 flossen allein 56 Millionen Euro an Kaufkraft nach Lörrach. „Das war keine Momentaufnahme, sondern das Ergebnis einer schleichenden und stetigen Entwicklung“, stellte OB Dietz damals fest.

Der Gemeinderat beschloss daher am 23. April 2013, das 10 000 Quadratmeter großes Grundstück an der Hangkante zu verkaufen. Um dort ein attraktives Einkaufscenter zu realisieren, wurde die Verwaltung beauftragt, das Grundstück europaweit auszuschreiben. Im September des selben Jahres legte der Gemeinderat die Vergabegrundlagen fest und beschloss über die Zulassung der Bewerber.

Im Oktober 2014 erhielt die Cemagg, ein Unternehmen aus dem Verbund der Schapira-Group, ein Investor im Bereich von Groß- und Einzelhandelsimmobilien, Einkaufszentren, Altenpflegeheimen und Büros, den Zuschlag. Die Brüder Pinchas und Samuel Schapira als Eigentümer der Investorengruppe engagieren sich seit 2003 finanziell in Deutschland. Am 19. April 2016 besiegelten die Stadt Weil am Rhein und die Cemagg den Kaufvertrag.

Aufwendiges Verfahren

Nun war der Weg für eine intensive Planung und Bauvorbereitung frei. Aufwendig, komplex und umfangreich war das Verfahren. „Die Dreiländergalerie wird die größte Baustelle, die es je in der Stadt gab, da haben wir keine Erfahrungswerte“, hatte Dietz dazu gesagt. Und der damalige Erste Bürgermeister Christoph Huber sprach von einem „Irrsinnsaufwand“, der notwendig sei, bis die Baugenehmigung erteilt werden könne. Allein der Bauantrag umfasst 50 Umzugskartons, vollgepackt mit Ordnern.

Ein umfangreiches Brandschutzgutachten musste erstellt und alle Abläufe während der Bauzeit minutiös festgelegt werden. Da bedurfte es einer intensiven Abstimmung zwischen Bauherrn, Bahn, Straßenbaubehörde, Basler Verkehrsbetriebe als Betreiberin der Tram und der Stadt. Um all das bei dem größten Einzelprojekt in Weil am Rhein bewerkstelligen zu können, hatte die Stadt eine externe Bauaufsicht beauftragt. Auch ein ausgeklügeltes Baustelleneinrichtungskonzept musste der Bauherr vorlegen. Darin sind Abläufe bis ins kleinste Detail geregelt. Wie wird beispielsweise der Aushub abtransportiert, wohin kommt er, wo stehen die Betonmischer, gibt es eine Wartezone für sie und vieles mehr.

In einem Bürgerbeteiligungsprozess, den die Firma Firu aus Kaiserslautern, eine Forschungs- und Informations-Gesellschaft für Fach- und Rechtsfragen der Raum- und Umweltplanung, moderierte, wurde den Bürgern die aktualisierte Planung vorgestellt. Zudem begleitete Firu für den Bauherrn auch das Raumordnungsverfahren.

Befürchtungen des Handels

Während der örtliche Handel einen Verdrängungswettbewerb befürchtete und Bedenken gegen die Projektgröße äußerte, hielt die Industrie- und Handelskammer das Center für verträglich. Das Handelsgefüge bleibe stabil. Auch das Regierungspräsidium kam im Rahmen des Raumordnungsverfahrens zum Ergebnis, dass das geplante Großprojekt nicht gegen die Vorgaben der Raumordnung verstoße. Zudem besteht laut der Freiburger Behörde in Weil am Rhein wegen der Grenzlage eine Ausnahmesituation.

Es wird davon ausgegangen, dass rund die Hälfte der Kaufkraft, die die Dreiländergalerie bindet, aus der Schweiz und Frankreich kommt. Insofern sei die Größe von 16 500 Quadratmetern Verkaufsfläche vertretbar. Bei den Anpassungen einzelner Sortimente wurde beispielsweise die Obergrenze für Lebensmittel auf 3250 Quadratmeter festgelegt. Beantragt waren 2877 Quadratmeter. Dagegen wurden die Bereiche Sport- und Bekleidung um etwas mehr als 200 Quadratmeter reduziert. Der Bereich Drogerie und Parfümerie wiederum konnte gegenüber dem Antrag um rund 200 Quadratmeter erweitert werden.

Kaufkraftzufluss erwartet

Die Cima, Beratungs- und Management-Gesellschaft aus Stuttgart, war in ihrem Gutachten zu den Auswirkungen des Einkaufstempels auf den örtlichen Handel zu dem Ergebnis gekommen, dass es zwar in einzelnen Branchen zu Umsatzumverteilungseffekten komme. Andererseits bringe die Dreiländergalerie starke Kaufkraftzuflüsse nach Weil am Rhein und würde somit positive Synergien für die gesamte Stadt schaffen. Die Innenstadt werde so gestärkt und die städtebaulichen Ziele erreicht, so ein Fazit von Cima.

Bautechnisch kompliziert

Nach mehrjähriger intensiver Planungsphase, langen Diskussionen, vielen Abstimmungen und mehreren Planungsänderungen erteilte die Stadt schließlich Mitte Juli 2018 den Roten Punkt. Am 14. November des selben Jahres erfolgte der offizielle Spatenstich an der Hangkante. In den Folgemonaten entstand eine riesige Baustelle.

Es war ein bautechnisch kompliziertes Vorhaben: An der Hangkante musste eine Baugrube von mehr als 20 Meter Tiefe ausgehoben werden, was zur Sicherung den Bau von Stützwänden (Berliner Verbau) notwendig machte. Ein weitere Herausforderung war: Während des laufenden Verkehrsbetriebs musste innerhalb der Tramschlaufe gearbeitet werden. Zudem wurde monatelang die B 3 halbseitig gesperrt, um einen geordneten Bauablauf zu ermöglichen. Ursprünglich sollte die Dreiländergalerie in 27 Monaten fertiggestellt sein, doch letztlich dauerte der Bau gut dreieinhalb Jahre.

Moderne Architektur

Nun prägt ein riesiges Gebäude mit außergewöhnlicher Architektur den westlichen Eingang zur Innenstadt und gibt ihm ein neues Gesicht. Das Einkaufscenter, das ein Hingucker ist, wurde von dem international tätigen Architekturbüro Chapman Taylor mit Stammsitz in London und einer deutschen Niederlassung in Düsseldorf am Europaplatz direkt neben der Tramendhaltestelle sowie zwischen Bahn, B 3, Einkauf-Insel und Kaufring geplant. Die Fassade der zwei miteinander verbundenen Baukörper des geschwungenen Gebäudekomplexes wird von großen Glasfronten und perforierten Metallpaneelen geprägt. Zu den architektonischen Herausforderungen gehörte auch der Erhalt und die Einbindung des unter Denkmalschutz stehenden Rebhus, ein altes Badisches Zollhaus, das weiterhin gastronomisch genutzt wird.

ÖPNV-Halt am Gebäude

Um die Verkehrsströme möglichst zu entzerren, ist das Center für den Autoverkehr ausschließlich von der B 3 erschlossen. Ein- und Ausfahrt in das dreigeschossige Parkhaus mit seinen 560 Stellplätzen erfolgen separat. Erfreut zeigt sich OB Dietz, dass die Dreiländergalerie und die gesamte Innenstadt ausgezeichnet an den Öffentlichen Nahverkehr angeschlossen seien: „Die Stadtbusse und die Linie 55 haben ihre Haltestelle in nächster Nähe, die Nahverkehrszüge halten am Bahnhof vor der Tür, und die Straßenbahn fährt sogar durch das Gebäude durch.“ Und für die Fahrradfahrer hält die Dreiländergalerie direkt zwischen Tramendhaltestelle und Center 600 Abstellplätze bereit.

Über das vollendete Werk nach langer Planungs- und Realisierungsphase zeigt sich Cemagg-Geschäftsführer Andreas Thielemeier sehr zufrieden. Wegen der hervorragenden Lage des Einkaufscenters inmitten des Dreiländerecks, eines grenzenlosen Einzugsgebiets und des vielfältigen Angebots ist er vom Erfolg überzeugt. Die Dreiländergalerie sorge für ein neues Shopping-Erlebnis in Weil am Rhein und für die ganze Region.

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