Weil am Rhein Die Entscheidung zur Flucht aus der DDR nicht bereut

Schwimmsportler Axel Mitbauer (links) und Christian Auer (rechts) im Gespräch mit Moderator Matthias Zeller. Foto: Daniela Buch Foto: Weiler Zeitung

Weil am Rhein (dab). Anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren führten die „Weiler Gespräche“ der Bürgerstiftung Weil am Rhein am Freitagabend den Osten und Westen Deutschlands symbolisch zusammen. Im Gewölbekeller des Alten Rathauses sprach Moderator Matthias Zeller mit Axel Mitbauer, der vor 50 Jahren aus der einstigen DDR flüchtete, und Christian Auer, der erst im wiedervereinigten Deutschland zur Welt kam, über Ehrgeiz, Ziele, Rückschläge und unerwartete Wendungen im Leben.

Der Jüngste in der Familie zu sein und mit zwei älteren Brüdern aufzuwachsen, habe ihn geprägt, erzählte der 26-jährige Christian Auer, der 2009 im Alter von 16 Jahren Deutscher Meister am Reck wurde, mehrfach am Weltcup teilnahm und zur Turner-Elite zählt. „Aufzugeben hat für mich nie eine Rolle gespielt: Ich hatte immer Ziele. Und wenn ich diese erreicht hatte, habe ich mir neue Ziele gesetzt.“

Nach einer Schulter-Operation musste sich Christian Auer 2014 vom Profisport verabschieden. Er absolvierte ein Hochschulstudium, arbeitet heute für einen Turngeräte-Hersteller, kann in Beratungen seine Erfahrungen weitergeben – und überlegt derweil, welche Sportart er noch ausüben könnte. „Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“, sei ein Spruch, den man in manchen Momenten nicht unbedingt hören wolle, der sich aber im Nachhinein auch für ihn bewahrheitet habe. „Das Leben geht definitiv immer weiter, auch wenn es anders läuft, als man es sich vorgestellt hat“, stellte Auer fest.

Erst ein Jahr nach dem Mauerfall geboren, sei das Thema „Ost und West“ für ihn als Sportler noch gegenwärtig gewesen. „Es wurde deutlich, dass der Sport in der DDR ganz anders gelebt wurde, alles auf den Leistungssport ausgerichtet war und wissenschaftlich geforscht wurde“, berichtete er.

Ein Eindruck, den der heute 69-jährige Schwimmsportler und Trainer Axel Mitbauer bestätigen konnte. Mit acht Jahren wurde er in Leipzig als Talent entdeckt und gefördert, erreichte im Alter von 18 Jahren den sechsten Platz auf der Weltrangliste und qualifizierte sich für die olympischen Spiele – und wurde lebenslang von allen Sportarten gesperrt, weil seine Fluchtpläne bekannt wurden und er sich weigerte, an einem Schauprozess gegen den Trainer mitzuwirken, der ihm einen Brief mit Kontaktdaten zukommen lassen wollte. Zuvor war Mitbauer im Ministerium für Staatssicherheit mehrere Wochen inhaftiert, wurde befragt und gefoltert und nach der Entlassung weiterhin überwacht.

Die Flucht gelang ihm trotzdem: Vom Ostseebad Boltenhagen aus schwamm er in Richtung Lübecker Bucht, erreichte eine Grenzboje und wurde von einem Fährschiff aufgenommen, das zwischen der Insel Bornholm und Travemünde verkehrte. Nur eine Minute blieb ihm, um nachts vom Strand aus die Sanddünen zu überqueren und ins tiefe Wasser zu gelangen – für diese kurze Zeit wurden von den Grenzposten die Scheinwerfer alle Stunde zwecks Abkühlung ausgeschaltet.

Den Fall der Berliner Mauer erlebte Mitbauer vor dem Fernseher mit: „Als ich das sah, habe ich mir gedacht, dass ich die richtige Eingebung hatte, als ich die Entscheidung zur Flucht traf. Rückblickend würde ich sagen, dass ich alles wieder so machen würde wie damals.“ Es befalle ihn immer etwas Wehmut. Und die Boje gebe es heute nicht mehr, berichtete er auf Nachfrage von Auer, der sich durch die Schilderungen an viele Orte erinnerte, die auch er im Rahmen von Wettkämpfen schon besucht hatte. „Eine extrem bewegende Geschichte“, meinte Christian Auer an Axel Mitbauer gerichtet. Das Publikum applaudierte ergriffen.

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